Review: Tiny Tales – Sehr kurze Geschichten

Als Twitter im März 2006 online ging, waren selbst die Gründer Jack Dorsey, Biz Stone, Evan Williams und Noah Glass vom Erfolg ihres sozialen Netzwerks überrascht. Das ursprünglich unter dem Namen „Twttr“ gestartete Projekt sollte nur als internes Kommunikationsmittel für die Podcasting-Firma Odeo genutzt werden. Doch spätestens mit dem Gewinn des South By Southwest Web Awards in der Kategorie „Blogs“ im März 2007 reihte sich Twitter in die Erfolgsspur anderer Netzgemeinschaften ein.

 

Mittlerweile wird Twitter von den unterschiedlichsten Nutzern verwendet. Unternehmen stellen Informationen zu ihren Produkten bereit, Personen des öffentlichen Lebens kommunizieren mit ihren Fans und Millionen Smart-Phone-Besitzer teilen der Welt per Mikro-Blogging mit, wo sie sich gerade befinden. Klar, dass das schlaue Köpfe auf den Plan ruft, die nicht nur Sinnentleertes wie „Time for some NYC shopping! Loves it! :)“ oder „In VVvVeEeegggGAAaSSss!!!!“ in ihre 140 Zeichen quetschen!

 

Florian Meimberg, Regisseur für Werbespots, Imagefilme und Musikvideos, ist einer von diesen schlauen Köpfen, die den eigentlich knappen Platz auf ihrer Timeline lieber bedacht als durchfallartig füllen. Seit Oktober 2009 schreibt der 35jährige Düsseldorfer über die Zwitscher-Plattform Kurzgeschichten. Die sogenannten „Tiny Tales“. Eine Geschichte besteht aus maximal 140 Zeichen und drei Sätzen. Literatur im Twitter-Format eben. Der Leser wird dabei gefordert, belustigt und ab und an auch mal verwirrt zurückgelassen. Doch der Star ist nicht die Pointe, die sich erst mit den letzten Worten entfaltet, sondern das Kopfkino, das beim Leser erzeugt wird.

 

„Die Weltbevölkerung war fassungslos. Die Gerüchte stimmten: Man hatte eine zweite Zivilisation entdeckt. Auf der Außenhülle der Erde.“

 

Doch was bis heute von knapp 19000 Menschen verfolgt bzw. gefollowed wird, hat mehr verdient als ein bloßes Dasein zwischen bild.de und youporn. Aus diesem Grund erschien im November 2011 über den Fischer Taschenbuch Verlag „Auf die Länge kommt es an“. Die ultimative Sammlung von Meimbergs getwitterten Kurzgeschichten. Aufgeteilt in sechzehn Kapitel, die unter anderem Titel wie Lüge, Chaos, Irrtum, Angst und Wahn tragen, bekommt man mit dem Kauf ein Buch geliefert, das gemacht wurde, um es kreuz und quer zu lesen. Dabei entdeckt man immer wieder neue Geschichten, die einen begeistern oder umhauen. Man versteht nicht alles auf Anhieb, doch gerade die 140 Zeichen, die den Denkapparat etwas stärker beanspruchen und ihren tieferen Sinn erst nach etwas Bedenkzeit Preis geben, machen so richtig Spaß. Beim Schreiben der „Tiny Tales“ scheint es Meimberg nicht anders als seinen Lesern zu gehen. Der Rhein-Zeitung erklärte er in einem Interview: „Mal fällt mir spontan etwas ein, manchmal braucht eine Geschichte länger.“

 

„Sein Zimmer hatte sich gar nicht verändert. Er saß auf dem Bett, als die Tür aufging. Seine Mutter schaute in den leeren Raum. Sie weinte.“

 

Wenn Meimberg Werbespots für BMW, Karstadt oder Vodafone umsetzt, ist er ebenfalls dazu gezwungen, das Entscheidende auf den Punkt zu bringen. Ausgeklügelte Geschichten, die durch vielschichtige Handlungen und sich aufbauende Dramaturgie überzeugen, sind dabei fehl am Platz. Ruck zuck muss das Finale her. Der Weg dorthin ist ein sehr kurzer. Und genau dieses Konzept geht auch in seinen „Tiny Tales“ auf.

 

Viele der „sehr kurzen Geschichten“ behandeln Themenkomplexe, die ganze Buchreihen füllen könnten. Außerirdische, Zukunftsvisionen, Katastrophen, menschliche Abgründe, geschichtliche bzw. politische Ereignisse, die auf den Punkt gebracht, dann aber doch nur angeschnitten werden. Der Reiz dieser Geschichten liegt in der Brutalität der Kürze: Es gibt keine Erklärungen oder versöhnende Ausschmückungen, sondern nur einen komprimierten Gedankengang, der eine ganze Welt bzw. eine Geschichte eröffnen kann. Diese Vorstellungskraft muss der Leser aber selber mitbringen.

 

„16 Jahre lang hatte er nun die Erdenbewohner studiert. Als einer von ihnen. Es war Zeit, Phase 2 zu starten: Elvis kaufte sich eine Gitarre.“

 

„Auf die Länge kommt es an: Tiny Tales – Sehr kurze Geschichten“ begeistert. Eines dieser Bücher, das man in die Hand nimmt und so schnell nicht wieder weglegen möchte, weil es einfach zu viel zu entdecken gibt. Kurzweilige Unterhaltung für Menschen, die keine Zeit haben, sich aber gerne Zeit nehmen würden. Nicht umsonst Grimmepreisgekrönt!

 

2 Comments

  1. Danke für die Rezension! Werde mir das Buch kaufen & freue mich schon aufs Entdecken der kleinen Kopfkinogeschichten!

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  1. 2011 – Der große Jahresrückblick – like it is '93 // das Popkultur-Magazin

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