Kurz & knapp #39: Hamza, Quicksand, Detroit, That’s You!, Mittelerde…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringen wir es daher auf den Punkt. Dieses Mal dabei: Hamza, Kevin Devine, Nordic Giants, Slaughter Beach Dog, Quicksand, Hey Ruin, After Porn Ends 2, Detroit, That‘s You! und Mittelerde: Schatten des Krieges.

 

Kevin Devine „We Are Who We’ve Always Been“

„Die belgische Antwort auf Travis Scott und Young Thug“, wirbt Warner Music für den Brüsseler Hamza. Der hat mit „1994“ ein 14-Tracks-starkes Album veröffentlicht, das verhältnismäßig sparsam eingesetzten Autotune und fett ausproduzierte Beats zu einem einheitlichen Soundbild vereint. Dabei rappt und singt er sich auf Französisch durch so aggressive („Jodeci Mob“) wie entspannte Stücke („Vibes“). „1994“ ist Zielgruppenmusik, die handwerklich nicht kritisiert werden kann. In ungeschulten Ohren bleibt sie trotzdem nicht hängen. +++ Kevin Devine begegnet dem Wahnsinn der Welt auf seinem Album „We Are Who We’ve Always Been“ mit akustischer Ohnmacht. Denn mit wenigen Ausnahmen werden die elf Stücke von Kevin und seiner Akustikgitarre getragen. Das ergibt einen ruhigen, aber auch niedergeschlagenen Sound, der anklagt und aufklärt. Devine stellt fest, dass niemand in fremden Ländern Krieg führen und dann nicht den Saustall aufräumen kann. Neben politischen Ansichten thematisiert er auch persönliche Befindlichkeiten wie den Wunsch nach der wahren Lieben: „I love you before you‘re even here with me!“ Damit liefert der New Yorker ein inhaltlich vielseitiges Album mit kohärentem Soundbild ab. +++ Das Post-Rock-Duo Nordic Giants beginnt sein zweites Studioalbum „Amplify Human Vibration“ mit bedrohlichen Klängen. Doch schnell bricht die Stimmung und die sieben Stücke werden von einer wohligen Atmosphäre durchflutet, die sonst nur an einem sonnigen Wintermorgen aufkommt. Unterstützt von Sounds, die für das Genre typisch sind, aber auch außergewöhnlicheren Instrumenten wie Trompeten, spielen sich die Briten durch niederschmetternd schöne Klänge, die das Gute in der Welt beschwören sollen. Spoken-Word-Einspieler des Bewusstseinsforscher Terence McKenna, der über die Sinnhaftigkeit von Sexismus, Rassismus und anderem Schwachsinn philosophiert, unterstreichen das Anliegen der Band.

 

Hey Ruin „Poly“

Modern-Baseball-Capo Jake Ewald hat Ende Oktober das zweite Album seines Nebenprojekts Slaughter Beach, Dog veröffentlicht. Auf den zehn Stücken von „Birdie“ geht es bewaffnet mit Akustikgitarre ruhig zu Gange („Pheonix“). Dennoch wissen Ewald und seine Truppe, wie die Handbremse gelöst wird. Schon das zweite Stück „Gold and Green“ überzeugt durch eine beschwingte Mischung aus Folk und Country. Inhaltlich geht es um die Sehnsucht nach der großen Liebe, die es entweder noch nicht gibt oder sich am anderen Ende des Landes befindet. 38 Minuten Musik, die mit Whiskey und Sauwetter am besten funktioniert. +++ 22 Jahre hat Walter Schreifels Post-Hardcore-Band Quicksand verstreichen lassen, bis ein Nachfolger zu „Manic Compression“ erschien. Und die Dringlichkeit, die Fans deshalb schon seit mindestens 20 Jahren spüren, spiegelt sich auch im Sound von „Interiors“ wieder. Das Album enthält zehn Stücke, deren rhythmische Aufgeräumtheit immer wieder von schweren Gitarren gebrochen wird. Melodien treffen auf Härte, die während der kompletten Spielzeit präsent ist. Sie brodelt nur allzu oft im Hintergrund, um das Abschweifen in die Schwerelosigkeit nicht zu beeinträchtigen. „Interiors“ ist ein Album, das auch in den Grunge-Hype Mitte der Neunziger gepasst hätte. +++ Über das deutsche Liebhaber-Label This Charming Man haben die Post-Punker Hey Ruin ihr zweites Album „Poly“ veröffentlicht. „Die Erde ist nicht rund, sie hat 1000 Seiten“, heißt es auf dem Titelstück und fasst damit die Stoßrichtung der Texte zusammen. Zwischen großer Scheiße und großer Hoffnung pendeln sich die von rotzigem Gesang getragenen Inhalte ein. Dabei trauen sich die Kölner immer wieder Genre-typische Gefilde zu verlassen, indem sie beispielsweise Saxophon-Passagen einbauen.

 

Detroit

2012 erschien die Dokumentation „After Porn Ends“ und deprimierte das Publikum mit Einblicken in das Leben pensionierter Pornodarsteller. Ein halbes Jahrzehnt später macht sich Regisseur Bryce Wagoner in After Porn Ends 2 erneut auf, um Ex-Darsteller zu treffen. Neue Erkenntnisse erhält der Zuschauer mit der zweiten Runde nicht, die Mischung aus erfolgreichen und gescheiterten Existenzen ist aber ausgeglichener. So berichten Lisa Ann und Brittany Andrews zufrieden von ihren neuen Tätigkeitsfeldern. Chasey Lain und Janine Lindemulder scheinen hingegen weniger Glück gehabt zu haben und sind sichtlich angeschlagen. „After Porn Ends 2“ ist ein interessanter, aber auch überflüssiger Blick hinter die Kulissen der Pornobranche. Filme wie „Hot Girls Wanted“ gehen tiefer unter die Haut. +++ Kathryn Bigelow ist dafür bekannt, sich nicht die seichtesten Themen auszusuchen. In „Zero Dark Thirty“ ging sie auf die Suche nach Osama Bin Laden, in „The Hurt Locker“ schickte sie ein Bombenräumkommando in den Irak und in „K-19“ begleitete sie ein sowjetisches U-Boot während des Kalten Kriegs. Mit Detroit tastet sich die Regisseurin in ein anderes Kriegsgebiet vor. 1967 kam es in der Motorstadt zu den bis dahin schwersten Zivilaufständen in den USA. Der Film konzentriert sich dabei auf wahre Begebenheiten, die sich rund um eine Razzia im Algier Motel zugetragen haben. Mehrere Polizisten haben in deren Verlauf afroamerikanische Bürger gefoltert und getötet, wurden in einem darauffolgenden Gerichtsprozess dennoch freigesprochen. Bigelow inszeniert die schrecklichen Ereignisse in drei Akten, um nicht nur die Polizisten bei ihrem Werk, sondern auch das Justizsystem, das sie dabei schützt, zu zeigen. „Detroit“ spielt mit handwerklichen Elementen, die die Bilder unerträglich machen. Wackelige Kameraführungen geben ein Gefühl von Chaos und Unsicherheit, verzweifelte Gesichter werden in Nahaufnahmen gezeigt und die wunderschönen Songs der Ära Motown stehen im direkten Kontrast zur körperlichen und seelischen Gewalt, die die wehrlosen Menschen ertragen müssen. „Detroit“ ist ein historisches Drama, das eine wichtige Geschichte in der richtigen Intensität erzählt.

 

Mittelerde: Schatten des Krieges

PlayLink nennt sich ein Tool für die PlayStation 4, das der Konsole erlaubt, sich mit den Smartphones der Spieler zu verbinden. That’s You! ist das erste Spiel, das diese Möglichkeit nutzt. Dabei fungieren die Telefone der Spieler, von denen pro Partie zwei bis sechs teilnehmen können, als Controller. Auf dem Fernsehbildschirm werden Fragen gestellt, in denen das Verhalten der Kontrahenten in brenzligen Situationen eingeschätzt werden muss. In weiteren Disziplinen müssen Selfies durch eigene Zeichnungen ergänzt und von den anderen Spielern bewertet werden. Das von den Wish Studios entwickelte Partyspiel ist eine kurzweilige Unterhaltung, die in der richtigen Gesellschaft Stunden füllen kann. Um „That’s You!“ auszuprobieren, ist es erforderlich, das Hauptspiel auf die Konsole und die App auf die Smartphones zu laden. +++ Die „F.E.A.R.“-Macher von Monolith schicken uns nach „Mordors Schatten“ von 2014 ein weiteres Mal in das Herr-der-Ring-Universum. Mittelerde: Schatten des Krieges ist Mitte Oktober erschienen und stellt erneut Waldläufer Talion in den Mittelpunkt. Dieser muss zusammen mit dem Geist des Elbenschmieds Celebrimbor eine Orkarmee aufstellen, um den stinksauren Sauron aufzuhalten. Typische Tolkien-Kost, die in diesem Action-Rollenspiel entsprechend eindrucksvoll präsentiert wird. Im Vergleich zum Vorgänger hat sich spielerisch leider nur wenig getan. Das Nemesis-System wurde zwar deutlich aufgeblasen und ermöglicht nun, noch mehr Bewegung in den Gegnerapparat zu bringen, doch wie eine wirkliche Weiterentwicklung fühlt sich das Spiel trotzdem nicht an. Mit den neuen Gadgets, Waffen und Fähigkeiten sieht es ähnlich aus. „Schatten des Krieges“ ist ein riesiger Spaß, der auf Bewährtes setzt, statt mutig neue Wege einzuschlagen.

 

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