Kurz & knapp #47: George Ezra, Juse Ju, On My Block, Call Me By Your Name…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringen wir es daher auf den Punkt. Dieses Mal dabei: George Ezra, Snoop Dogg, Island, Spielbergs, Juse Ju, Lingua Nada, Vega, Gender Roles, All the Luck in the World, Kwadi, Love, On My Block & Call Me By Your Name.

 

George Ezra „Staying At Tamara’s“

Vier Jahre mussten vergehen, bis der britische Singer-Songwriter George Ezra mit einem Nachfolger zum Debütalbum „Wanted on Voyage“ nachlegte. Nun ist „Staying at Tamara’s“ erschienen und Fans des Erstlings dürfen sich über neue Ohrwürmer freuen, aus denen die gute Laune nur so herausspritzt. Bläser im Song „Shotgun“ treiben diesen Eindruck letztendlich auf die Spitze. Ezra selbst befeuert den beschwingten Ton durch seine markante Stimme, bevor er die Platte mit „Only a Human“ und „The Beautiful Dream“ auf einer ruhigen Note beendet. Wenn Popmusik im Jahre 2018 so klingt, ist alles in Ordnung. +++ Snoop Dogg macht, was er möchte. Jetzt hat sich der Rapper, Schauspieler und Football-Coach an eine Gospelplatte gewagt. Dabei ist „Bible of Love“ eher ein Sampler als ein vollwertiges Soloalbum. Auf stolzen 32 Tracks tritt der Musiker nur neunmal in Erscheinung. Den Rest erledigen Gospelgrößen wie B.Slade, John P. Kee oder die Clark Sisters. Zu großen Teilen liefert „Bible of Love“ das, was es verspricht: Gospelmusik, die Jesus mit großen Gesangsleistungen preist. Wirklich spannend wird es jedoch, wenn Stile vermischt und Grenzen zwischen Gospel, R’n’B und Rap verwischt werden. So trifft beispielsweise Sly Pyper auf Daz Dillinger und Isaac Carree auf Jazze Pha. Um der breiten Masse zu gefallen, ist dieses Doppelalbum aber zu lang und inhaltlich zu eintönig. +++ Über „Feels Like Air“ werden sich Menschen freuen, die den guten alten Gitarrensound aus dem Vereinigten Königreich vermissen. Die vier Londoner von Island machen unaufgeregten Britrock, der meistens dahinplätschert und selten an der großen Hymne vorbeischrammt – für viele vermutlich zu selten. Wer stilvolle Musik für die Hintergrundberieselung benötigt, ist mit diesen elf Stücken, die von Rollo Dohertys heißeren Stimme getragen werden, dennoch gut bedient.

 

Spielbergs „Distant Star EP“

Aus Olso stammt das Indie-Rock-Trio Spielbergs, das Ende 2016 zusammenkam und nun die Debüt-EP „Distant Star“ veröffentlicht hat. Darauf enthalten sind fünf poppige Gitarrenstücke, die zwischen drei und acht Minuten benötigen, um ihre reizvollen Melodien an den Hörer zu bringen. Dass die Fachpresse die Spielbergs nicht ohne Grund zu den vielversprechendsten Bands für 2018 erklärte, zeigen sie mit dieser EP. Denn trotz der akustischen Zugänglichkeit bietet die Musik inhaltliche Tiefe, die von Niederlagen und Neuanfängen erzählt. +++ Auch wenn Juse Ju seit fast zwei Dekaden Teil der deutschen Hip-Hop-Szene ist, fühlt sich „Shibuya Crossing“ wie sein bisher rundestes Album an. Vermutlich liegt das an dem losen Konzept, das sich um die drei Lieder „Kirchheim Horizont“, „Bordertown“ und den Titelsong „Shibuya Crossing“ spinnt. Die Veröffentlichung kann als biografische Platte bezeichnet werden, die Juses Werdegang von der Kindheit in Tokio über die Jugend in El Paso und Kirchheim bis heute zusammenfasst. Zwischendrin beschäftigt er sich mit Verschwörungsspinnern („Propaganda“), dem Rap-Zirkus („Knete teilen“) und seinem schwierigen Liebesleben („Lovesongs“). Juses Stärke liegt dabei in den detaillierten Beschreibungen und Formulierungen, die die Texte so nachvollziehbar machen. „Shibuya Crossing“ ist eine kompakte Platte, die einen gereiften Künstler mit klaren Vorstellungen zeigt. +++ „Snuff“ ist freundlich und nervig zu gleich. Und das ist gut so, denn damit ist Lingua Nada ein Album gelungen, das noch etwas im Hörer auslöst. Sänger Adam Lennox Jr. schreit und singt sich durch die Songs, schwere Gitarren leiten immer wieder Feedbackschleifen ein und Instrumentalstücke wie “A Netflix Original” klingen, als hätte sie die Besatzung der ISS auf psychedelischen Drogen eingespielt. 39 Minuten kontrolliertes Chaos – geil!

 

Vega „V“

„V“ kann als römische 5 aber auch als der 22. Buchstabe des Alphabets gelesen werden. Für die neue Vega-Platte gibt es keinen passenderen Titel, da diese das fünfte Studioalbum des Frankfurters und er mit keinem anderen Buchstaben so sehr verbunden ist. Entsprechend vertraut klingt die Musik auf seinem neuen Werk: Beats, die in Streichern ertränkt werden, pathetische Texte über das Leben zwischen Erfolg und Niederlage und ein Rap-Stil, der härter als der Asphalt in der Bankenmetropole ist. Fans werden sich so oder so aufs Neue in ihren Vega verlieben. Wer vor dem Kauf reinschnuppern möchte, kann sich mit den Videoauskopplungen „Winter in Frankfurt“ und „Delorean“ einen guten Eindruck verschaffen. +++ Für die „Lazer Rush EP“ haben Gender Roles fünf rotzige Punkrockstücke eingespielt, die angenehm laut nach vorne peitschen. Dabei lebt die Musik von ihren eingängigen Melodien, die auf einer Tsunamiwelle aus schweren Gitarren reiten. „Sounding like that hazy, joyful soundtrack to that big night out with all your best mates”, heißt es im Pressetext. Und das kann so unterschrieben werden! +++ Die drei Iren von All the Luck in the World machen auf ihrem Debütalbum „A Blind Arcade“ Folkmusik, die zwar als Hintergrundbeschallung funktioniert, sich aber immer wieder traut, aufzudrehen. Das liegt nicht zuletzt am intensiven Streichereinsatz, der in Stücken wie „Landmarks“ oder „Abhainn“ tief in den Gefühlswelten der Hörer gräbt. „A Blind Arcade“ bietet 45 Minuten Musik, die immer wieder auf der schmalen Grenze zwischen hübsch und wirklich schön tänzelt. +++ Zum Abschluss der Musikkategorie noch ein Tipp für Freunde von eingängigem Pop mit elektronischem Einschlag: Kwadi hat seine EP „Lost In The Woods“ veröffentlicht, auf der er fünf Tracks sowie zwei Remixe versammelt. Geht ins Ohr und ist inhaltlich nicht flach – kann man machen.

 

On My Block

In der dritten Staffel von Love müssen Mickey und Gus nicht zueinanderfinden, sondern die Herausforderungen einer Partnerschaft meistern. Das ist leider nicht mehr so spannend wie in den beiden Vorgängerstaffeln, weshalb ein größeres Augenmerk auf Nebenfiguren wie Bertie, Chris, Randy oder Arya gelegt wird. Zum Glück behält sich die Netflix-Serie trotzdem diesen unaufgeregten Charme bei, dem sich die Zuschauer kaum entziehen können. +++ Nochmal Netflix: Die Serie On My Block schafft es, dem überstrapaziertem Coming-of-Age-Genre einen neuen Kniff zu verleihen. Denn im Fokus der zehn Episoden stehen keine weißen Mittelstandkids, sondern vier latein- und afroamerikanische Jugendliche, die sich in einem sozialen Brennpunkt von Los Angeles durch ihren Alltag schlagen müssen. Liebe, Schule und Freundschaft belasten ihr Leben ebenso wie Probleme, die sich aus der rauen Nachbarschaft speisen. „On My Block“ legt Wert auf Humor, schmälert damit aber nicht die Ernsthaftigkeit der dramatischen Themen rund um Gangkultur und Perspektivlosigkeit. Der Cast, der aus unerfahrenen Jungdarstellern besteht, ist überzeugend und zieht den Zuschauer direkt auf seine Seite. Dadurch ist „On My Block“ unverbraucht, liebenswert und intensiv. +++ Der 17-jährige Elio verliebt sich in den Studenten Oliver und erlebt mit ihm seine ersten gleichgeschlechtlichen Liebeserfahrungen. Call Me By Your Name wurde bereits mit Lob überschüttet, was absolut nachvollziehbar ist. Denn Luca Guadagninos Liebesdrama rückt die Beziehung der Protagonisten nicht als vermeintliche Provokation in den Mittelpunkt, sondern stellt sie als das dar, was sie ist: Etwas völlig Normales. Dadurch können sich Armie Hammer und Timothée Chalamet einem Schauspiel hingeben, das herzerweichend und von vielen kleinen Details geprägt ist. Auch filmisch überzeugt „Call Me By Your Name“ mit handwerklichen Feinheiten, die für sich reichen würden, um 132 Minuten zu unterhalten.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.




Facebook
Twitter
Instagram