Die Arroganz der Wissenden: „Im Original war das aber anders…“

Turtles: erst brutal, dann Kinderprogramm

Sie kennen die Comicvorlage, haben das Buch gelesen oder das Original gesehen: Die Wissenden unter den Popkulturkonsumenten. Ein paar von ihnen glauben dadurch jedoch, dass sie die einzige richtige Meinung haben.

 

Ich wurde in den letzten Tagen wieder einmal mit der guten alten Frage konfrontiert: „Du als Fan, wie findest du diese oder jene Neuauflage?“ Meine Antwort: „Wenn sie gut ist, freue ich mich. Wenn sie schlecht ist, ist sie mir egal.“ Emotional bin ich bei derartigen Fragen nicht so tief drin, wie manche glauben mögen. Beispielsweise habe ich den zweiten Teil der neuen Star-Trek-Filme nicht einmal im Kino gesehen. Warum auch? Eine neue Herangehensweise, die nichts mit meinen Erinnerungen an das Franchise zu tun hat. Das es sie gibt, finde ich trotzdem okay? Natürlich, denn meine alten Erinnerungen an Kirk, Picard, Sisko, Archer und Janeway kann ich mir dank der DVDs immer wieder zurückholen – unabhängig von Simon Pegg in der Rolle als Scotty. Und vielleicht kommen dank der neuen Filme auch ein paar weitere Fans zu mir und den DVDs. Also alles gut in Sachen Reboots. Zu viele Vollblutfans glauben, dass sie ein Exklusivrecht auf eine Meinung zu einer Neuauflage haben. Das Schlimme ist, diese Meinung basiert bei einigen Tag-Eins-Supportern in keinster Weise auf Ahnung, sondern ausschließlich auf einer Kindheit bzw. Jugend, die sie scheinbar bis heute nicht überwunden haben.

 

„Das hat nix mehr mit dem Original zu tun!“

Ob man 40, 30 oder 20 ist, ist keine Leistung, sondern eine Tatsache. Wenn jemand beispielsweise zum Erscheinen der „Das Phantom“-Verfilmung noch ein ferner Zukunftsplan seiner Eltern war, darf er doch trotzdem seine Meinung zum Film von 1996 mit Billy Zane preisgeben. Unabhängig davon, dass er angeblich zu jung ist und vermutlich noch nie ein Comic von „Das Phantom“ in der Hand hielt, wird er sagen, dass das ein Drecksfilm ist. Und das zu recht: Billige Kulissen, inhaltliche Logikfehler und null Spannung. Dafür muss man nicht zwanzig Jahre Comics gelesen oder die Origins-Story wie die zehn Gebote auswendig gelernt haben. Ich halte mich mittlerweile aus diesen anstrengenden Diskussionen heraus, in denen es ausschließlich darum geht, sich als den „besseren“ Fan zu outen. Warum mit Menschen palavern, die nicht begreifen können, dass es nicht auf eine gute Kopie, sondern in aller erster Linie auf handwerkliches Können ankommt. Mir doch egal, ob die Turtles designtechnisch zwar nah dran sein sollen am Originalcomic von Kevin Eastman und Peter Laird, im 2014 veröffentlichten Film von Jonathan Liebesman aber aussehen wie der Glöckner von Notre-Dame auf Steroiden.

 

Eine Meinung ist eine einzige Meinung und die kann zwar fundiert sein – unabhängig von Alter oder Vorwissen – aber bitte bleibt cool, liebe Popkulturrentner. Wenn eine Neuauflage eurer einstigen Lieblingszeichentrickserie per 200-Millionen-Dollar-Budget in die IMAX-Kinos des Landes kommt, ist das keine Herausforderung, um es vermeintlich Nichtswissenden zu zeigen. Es geht um ein Popkulturerzeugnis, bei dem man Spaß hat, wenn man sich intensiv damit beschäftigt, aber definitiv nicht um die Siedlungspolitik von Israel.

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