Der Sommer des Kanye West – Teil 2: Ye und die bipolare Störung

kurz vor Release entstanden: das Cover von „Ye“

Innerhalb weniger Wochen möchte er fünf Alben veröffentlichen. Wird das der Sommer des Kanye West? Projekt Nummer zwei ist das achte Soloalbum „Ye“.

 

Während die Musikwelt vorgab, sich für Pusha Ts Album „Daytona“ zu interessieren, aber eigentlich nur aufgeregt über den Drake-Diss „The Story Of Adidon“ diskutierte, versuchte Kanye West die Aufmerksamkeit auf das nächste Projekt seines Sommermarathons zu lenken. Denn eine Woche nach „Daytona“ erschien am 1. Juni sein achtes Soloalbum „Ye“. Medienwirksam veranstaltete West einen Tag zuvor eine Listening Party. Keine günstige Angelegenheit, denn dutzende Radiopersönlichkeiten und Berühmtheiten ließ er per Privatjet auf eine Ranch nach Wyoming bringen.

 

Wenn Kanye West Musik veröffentlicht, dann passiert immer irgendetwas Spektakuläres. „The Life of Pablo“ stellte er 2016 im Rahmen einer Präsentation seiner Modekollektion vor. Zum Erstaunen aller in einer nicht vollständig gemasterten Version, die direkt von seinem Laptop kam. Diesmal wollte er es vermutlich richtigmachen. Die Musik sollte bei „Ye“ im Mittelpunkt stehen. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass er sich einen Tag nach Albumveröffentlichung gegen den Beef mit Drake aussprach: „I’ve never been about beef. I’m about love. Lines were crossed and it’s not good for anyone. So this is dead now.“

 

Gut, aber nicht überragend

 

Und tatsächlich gibt es in Bezug auf „Ye“ noch so viel mehr, über das gesprochen werden muss. Zum Beispiel die Texte, die den Menschen Kanye West in den Mittelpunkt rücken und sein Verhalten der letzten Monate erklären. „That’s my third person / that’s my bipolar shit, nigga what? / that’s my superpower, nigga ain’t no disability”, rappt er auf “Yikes” erstmals über seine bipolare Störung, die vor einem Jahr diagnostiziert wurde. Auch konkrete Vorkommnisse wie seine Aussagen über Sklaverei und das Verhältnis zu seiner Frau Kim Kardashian werden thematisiert.

 

Ob der Perfektionist West bei so viel Einblick in seine Gedanken mit den Reaktionen auf „Ye“ zufrieden ist, kann bezweifelt werden. Denn bei Fans und Kritikern kommt „Ye“ zwar gut, aber nicht überragend an. Metacritic spuckt einen Metascore von 67 und einen User Score von 7,4 aus. „Though it can be somewhat fascinating, it is undoubtedly a low point in his career”, schrieb Meaghan Garvey von Pitchfork und wird von Varietys Andrew Barker bestätigt: “Not the outright disaster that some might have feared, but far from the return to form that might have helped heal his battered reputation.“

 

Jeder wollte das Album hören

 

Kritiken sind aber selten mit Erfolg gleichzusetzen. Denn hören wollte „Ye“ ungefähr jeder. Sowohl bei iTunes als auch Spotify belegten die sieben Songs der Platte die ersten sieben Plätze der jeweiligen Streaming-Charts. Ein Kanye-West-Boykott sieht anders aus. Stoppen könnte ihn hingegen das Berliner Label PAN, das im Song „I Thought About Killing You“ unerlaubt verwendete Musik ihrer Künstler erkannt haben möchte. Gegenüber Pitchfork machte Labelchef Bill Kouligas seinem Ärger Luft: „It’s sadly another case of an artist who capitalizes on culture without any original ideas.”

 

Kanye West bleibt cool und erlaubt sich derweil einen ganz anderen Spaß. Schon „Yeezus“ stieß Freunden aufwändiger Artworks vor den Kopf, denn Wests sechstes Studioalbum bestand aus einer leeren Hülle und einem unbedruckten Rohling. Für „Ye“ griff er auf ein Foto zurück, das er auf dem Weg zur „Listening Party“ mit dem iPhone aufnahm. Über die eindrucksvolle Berglandschaft Wyomings klatschte er eine grüne Schrift: „I hate being Bi-Polar it’s awesome“. Wer den Satz ändern möchte, hat mit dem von West selbst initiierten „yenerator“ die Möglichkeit dazu. Album zwei von fünf und alle sprechen über Kanye West. Das wird ein langer Sommer!

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