Wer hat sich eigentlich Live-Alben ausgedacht?

Johnny Cash „At Folsom Prison“

Sind Live-Alben die Königsklasse der Plattenveröffentlichungen oder doch nur überflüssige Zwischendurchhappen für Fans, die nicht genug bekommen können?

 

„Jubelschreie im Knast, der legendäre ‚Judas‘-Ruf bei Dylan, 35 Minuten Gitarrenfeedback bei Neil Young. Live-Alben sind einzigartige, direkte Momentaufnahmen“, schrieb der Rolling Stone 2013 und veröffentlichte mit diesen Worten eine Liste der 50 besten Live-Alben aller Zeiten. Johnny Cash ergatterte sich dabei mit „At Folsom Prison“ die Bronze-Medaille, Neil Young wurde mit „Live Rust“ zweiter Sieger und der Godfather of Soul James Brown triumphierte mit seiner Platte „Live At The Apollo“. „The musicians could cut loose and play off the crowd, and the result can be much more interesting than studio perfection“, fasste das Online-Magazin Paste die Faszination für Live-Alben zusammen und kürte im Anschluss “Live At The Harlem Square Club” von Sam Cooke zur liebsten Platte des Genres.

 

Neil Young & Crazy Horse „Live Rust“

Mir persönlich erschließt sich der Spaß schon bei Konzert-DVDs nicht, weshalb sollte ich nun also Lust auf ein Album haben, bei dem der visuelle Aspekt komplett entfällt? Spektakuläre Bühnenshow, atemberaubende Kulisse und hübscher Musiker: All das habe ich nicht, wenn mp3-Player oder Stereo-Anlage ihren lautstarken Dienst verrichten. Stattdessen bekomme ich eine Aufnahme voller Störgeräusche in Form von Jubel, Spielfehlern oder Zwischenrufen. Wäre ich live dabei, könnte ich etwas damit anfangen, so wird der Hörgenuss einfach nur unterbrochen. Denn auf dem Sofa liegend, brauche ich die perfekte Aufnahme. Die Aufnahme, die der Künstler geplant und dann umgesetzt hat. Nicht die, in der während des großen Song-Klimax die versammelte O²-Arena ordentlich mitgrölt.

 

Ich höre Unterstützer, die von der Magie des Moments überzeugt sind, schon energisch schreien: Wenn ein Jimi Hendrix auf „In The West“ den Gitarrengott rauslässt, müsse auch dem letzten Zweifler klar werden, dass man nur durch ein Live-Album auch zu Hause erkennen kann, wozu ein wahrer Musiker im Stande ist. Studio und Live sind eben zwei unterschiedliche Schlachtfelder. Ähnlich wie der Gangster im HipHop, der wirklich von der Straße kommt und dem, der bloß im Internet das Maul aufreißt, oder wie, oder was? Okay, sehe ich ein. Aus diesem Grund besuche ich ja auch leidenschaftlich gerne Konzerte und schaue mir im Notfall sogar eine entsprechende Blu-Ray oder DVD an. 15 Euro für bereits veröffentliche Musik bezahle ich aber ungern, nur weil sie angeblich so rough und einzigartig ist. Da lege ich lieber noch einmal 15 Euro drauf und gehe gleich zum Konzert.

 

James Brown „Live at the Apollo“

Bei einem Konzert kann ich mich wenigstens zur Musik bewegen. Das mache ich in meinem gemütlichen Wohnzimmer – gefüllt mit teuren Accessoires und wenig Platz – nur ungern. Nein, Live-Alben müssen sich abheben können, schaffen das aber nur in den seltensten Fällen. Besitzen diese Platten einen Mehrwert, den ich auf dem Studio-Pendant nicht bekomme, finden sie dann aber doch noch den Weg durch meine Boxen. Wenn Metallica beispielsweise mit dem San Francisco Symphony Orchestra oder Jay-Z mit Live-Band ein Unplugged-Programm zum Besten geben, dann sehe auch ich einen Reiz in Live-Aufnahmen, die mir Studioplatten nicht einmal ansatzweise bieten können. Ein bloßer Mitschnitt ist aber leider nicht mehr als ein langweiliges Zeitdokument für wirklich beinharte Fans.

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