30 oder 120 Minuten – sind kürzere oder längere Alben besser?

Geht der Albumgenuss verloren?

Reicht die Aufmerksamkeitsspanne überhaupt für ein 60-minütiges Album oder kann es vom Lieblingskünstler gar nicht genug Musik geben?

 

Ende Oktober hat R&B-Sänger Chris Brown mit „Heartbreak on a Full Moon“ ein neues Studioalbum veröffentlicht. Das ist erst einmal nichts Besonderes, denn die Platte ist damit die achte seiner Diskografie. Außergewöhnlich ist hingegen die Menge an Musik, mit der Brown seine Fans beglückt. 40 Songs verteilt auf zwei Tonträger ergeben eine Laufzeit von über 135 Minuten. Nicht ganz so lang, aber immer noch beachtlich, ist Drakes Veröffentlichung „More Life“, die der Rapper im März dieses Jahres herausbrachte. Die 22 Stücke kommen auf eine Gesamtspielzeit von rund 81 Minuten. Hand aufs Herz: Welcher noch so beinharte Fan schafft es, Platten mit diesen Längen konzentriert am Stück zu hören? Sind Platten dieser Art überhaupt für den Genuss ohne Pause konzipiert?

 

Anti-Flag haben es ihren Fans vor einigen Wochen mit dem Release von „American Fall“ einfacher gemacht. Eine halbe Stunde benötigt ihre Hörerschaft, um die elf Lieder zu genießen. Neil Young kann mit seinem im September erschienenen Album „Hitchhiker“ mithalten. Nur 33 Minuten müssen vergehen und die zehn Anspielpunkte sind durch. Kurze Happen, die knapp am kleinen Album-Bruder, der EP vorbeischrammen. Doch welcher Ansatz ist der bessere? Auf die Verkaufszahlen geblickt, ziehen Young und Anti-Flag gegen Drake und Brown den Kürzeren. Möchte man dem Impericon-Mag Glauben schenken, scheint es daran aber gar nicht zu liegen. Diese stellten 2015 die Frage, weshalb niemand mehr Alben hört und kamen zum Entschluss, dass die Hörer im Moment des ausgiebigen Albumgenusses andere Künstler verpassen könnten.

 

In Zeiten der fast vollständigen Digitalisierung der Musikindustrie hat das Album einen anderen Stellenwert als noch vor 20 Jahren. Ein großer Teil der Konsumenten geht freitags nicht mehr in den Plattenladen, um mit einer vollen Tüte neuer Scheiben nach Hause zu laufen, sondern klickt sich durch Spotify-Playlisten und die Neuheiten im Amazon-mp3-Shop. Die haptische Wahrnehmung einer Langspielplatte haben nur noch verschlafene Stereoanlagenbesitzer und fanatische Vinyl-Sammler. Dadurch geht auch der Umgang mit dem Medium verloren. Wichtig ist nur der Genuss der Musik. Jetzt Rap, nachher Schlager. Dass das Album aber die Visitenkarte eines Künstlers ist, die eine Phase seines Schaffens zusammenfasst, sollte nicht außer Acht gelassen werden.

 

Ob Doppelalbum, Seite A oder Seite B – die Merkmale eines Albums wurden immer durch das Trägermedium definiert. Grenzen gibt es seit dem Lösen von einem physischen Tonträger nicht mehr. Neue Konzepte wie Playlisten oder sich noch nach der Veröffentlichung verändernde Alben werden ausprobiert. Manche Künstler sind die geborenen Hitmaschinen, andere funktionieren hingegen besser, wenn sie sich im Laufe einer Stunde austoben dürfen. Die Frage ist also erst einmal, ob sich die Hörer überhaupt noch mit dem Format Album identifizieren können. Wer die Frage für sich mit Ja beantwortet, muss anschließend den eigenen Geschmack prüfen. Denn auch auf die Gefahr hin, dass dieses Fazit zu einfach klingt: Die perfekte Länge eines Albums ist von den individuellen Hörgewohnheiten jedes Konsumenten und der Art der Musik abhängig.

 

Welche Meinung habt ihr zu der Laufzeit eines Albums? Sollte sie knapp bemessen oder so lang wie möglich sein?

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