Kurz & knapp #42: Celo & Abdi, N.E.R.D., Glassjaw, Yung Lean, Wind River…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringen wir es daher auf den Punkt. Dieses Mal dabei: James Holden, Lil Wayne, Gucci Mane, Lemuria, Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS?, N.E.R.D., Celo & Abdi, Glassjaw, Lil Skies, Yung Lean, Not Alone, Wind River & The Open House.

 

Lil Wayne „Dedication 6“

DJ und Elektromusiker James Holden geht mit dem Album „The Animal Spirits“ erstaunlich organische Wege. Auch wenn elektronische Elemente in der gesangsfreien Musik des Briten eine Rolle spielen, geben vor allem eingespielte Instrumente den Ton an. Diese tauchen von Flöten bis Saxophone in mannigfaltiger Art und Weise auf. Dabei drängen sie sich nie in den Vordergrund, sondern zerfließen in einem wunderschönen Soundmatsch. Von dem ruhigen Intro „Incantation for Inanimate Object“ sollte sich niemand täuschen lassen. „The Animal Spirits“ ist eine treibende Platte, die sich spätestens ab Albummitte in herrlichem Chaos verliert. +++ Auf „Tha Carter V“ müssen wir zwar noch warten, doch mit „Dedication 6“ führt Lil Wayne zumindest seine legendäre Mixtape-Reihe fort. Auf 15 Anspielpunkten gibt es die für Wayne typischen Punchline-Schlachten. Aber auch mit moderneren Soundentwürfen geht er auf Tuchfühlung, was die Neuinterpretation von „XO Tour Life“ zeigt. „Dedication 6“ ist ein gelungenes Mixtape im klassischen Sinne, das es für Umme auf den bekannten Download-Portalen gibt. +++ Erst vor wenigen Monaten haben wir über Gucci Manes großartiges Album „Mr. Davis“ berichtet. Nun hat er mit dem Mixtape „El Gato: The Human Glacier“ nachgelegt. Gucci bleibt auch ohne Drogen ein Arbeitstier, das in gewohnter Qualität abliefert. Zeitgeistiger HipHop-Sound, der von ignoranten Sprüchen und simplen, dafür aber umso eingängigeren Hooks lebt. +++ Lemuria ist ein Trio aus Buffalo, das mit „Recreational Hate“ eine halbe Stunde neue Musik veröffentlicht hat. Von deiner liebsten Schmuse-Folkrock-Band („Trembling“) bis zu Weezer („More Tunnel“) steckt alles drin. Cowgirls und Cowboys kommen ebenfalls auf ihre Kosten („Kicking In“). Neben der musikalischen Vielfalt profitiert das Album von dem gemeinsamen Gesang von Sheena Ozzella und Alex Kerns. Musik, die ein bisschen frech, aber immer angenehm harmlos klingt.

 

Celo & Abdi „Diaspora“

Die Musik, die Have You Ever Seen The Jane Fonda Aerobic VHS? machen, als Indie-Rock zu bezeichnen, würde der Sache nicht gerecht werden. Statt coolem Gitarrensound, der nur in runtergerockter Lederjacke funktioniert, spielen sich die drei Finnen auf dem Album „Jazzbelle 1984/1988“ von einem Poporgasmus zum nächsten. Dieses pappsüße Kaubonbon unter den Indie-Rockplatten stopft den Mund mit Keyboard-Sounds, Bläsersätzen und Ohrwurmrefrains voll. Und wenn die letzten Reste aus den Zahnzwischenräumen entfernt wurden, möchte man trotzdem wieder in die Tüte greifen und das nächste Bonbon mampfen. Denn diese Musik strahlt pure Lebensfreude aus. +++ Sieben Jahre haben sich Pharrell Williams, Chad Hugo und Shay Haley für ihr fünftes Studioalbum unter dem Banner N.E.R.D. Zeit gelassen. Mit „No_One Ever Really Dies“ ist eine Prestigeplatte herausgekommen, deren Gästeliste durch die A-Liga der Popmusik besticht: Rihanna, Gucci Mane, Wale, Future, Kendrick Lamar, Ed Sheeran, André 3000 und M.I.A. Das Album klingt modern, ein „In Search Of“-Vibe schwingt trotzdem mit. Ob für den coolen Sonnenbrilleneinsatz („Lemon“), das gepflegte Abspacken („Voilà“) oder das gemeinsame Highwerden („Lifting You“) – die elf Songs bieten eine Mischung aus Rap, R‘n‘B und Elektropop und legen sich damit auf kein kohärentes Soundbild fest. Herzstück der Platte sind die Tracks sechs bis neun, die die Hälfte der Spielzeit ausmachen, da sich die Musiker hier in mehreren musikalischen Akten austoben. +++ „Der Begriff Diaspora bezeichnet religiöse, nationale, kulturelle oder ethnische Gemeinschaften in der Fremde, die ihre traditionelle Heimat verlassen haben und mitunter über weite Teile der Welt verstreut sind“, klärt Wikipedia auf. Celo & Abdi haben nicht nur ihr viertes Album „Diaspora“ getauft, sondern beschäftigen sich darauf auch mit ihrer eigenen Herkunft und Identität als Deutsche mit Migrationshintergrund. Das bedeutet nicht, dass die sonst üblichen Themen der Frankfurter ausbleiben: Drogengeschäfte, Kleingaunereien und das Leben auf der Straße sind nach wie vor prominent auf den 16 Stücken vertreten. Musikalisch bleiben sich Celo & Abdi treu, trauen sich nur vereinzelt Experimente wie Abdis verstärkten Gesangseinsatz. Das macht sie zu verlässlichen Straßenrap-Lieferanten, die den einen oder anderen Hörer sechs Jahre nach dem „Mietwagentape“ jedoch langweilen könnten.

 

Yung Lean „Stranger“

Glassjaw ließen sechs Jahre nach der letzten EP- und ganze 15 Jahre nach der letzten Albumveröffentlichung vergehen. Umso größer war die Freude, als im Dezember 2017 mit „Material Control“ die dritte Langspielplatte der Post-Hardcore-Band erschien. Nach wie vor bestimmen schwere Schlagzeug- und Gitarrenwände sowie Daryl Palumbos mal klar gesungenen und mal herausgepressten Texte das Soundbild. „Kick over the statues / You’ve prayed away one million nights”, heißt es im kirchenkritischen “Bibleland 6”. Nichts auf “Material Control” ist einfache Kost. Eine dichte Atmosphäre und eine ständig mitschwingende Schwere lassen die Platte wie aus einem Guss erscheinen, machen es aber auch schwer, sie sofort zu erfassen. Nachdem man einige Male weggeblasen wurde, gehen Stücke wie „Shira“ oder „My Conscience Weighs a Ton“ aber nicht mehr aus dem Ohr. +++ „I try to own a house, you try to own a chain“, rappt Lil Skies auf “Kill4u”. Ein Track, der einen guten Eindruck von dem vermittelt, was der 19-Jährige Musiker aus Pennsylvania auf seinem Album „Life of a Dark Rose“ vermitteln möchte. Zwar muss auch er sich gegen die Verlockungen des Lebens wehren, doch sein innerer Wertekompass scheint noch nicht völlig ruiniert. Trotz der vielen Stilmittel, die heutzutage gang und gäbe sind, setzt Lil Skies Werkzeuge wie den Stimmenverzerrer sparsam ein. Seine Stärken sind eingängige Refrains, die mal gesungen und mal straight gerappt sind. „Life of a Dark Rose“ bietet 14 Stücke, die gut runtergehen, dadurch aber auch haarscharf an der Beliebigkeit vorbeischrammen. +++ Nach mehreren Schicksalsschlägen ist „Stranger“ das Album, mit dem Yung Lean langsam von seinem hedonistischen Lifestyle herunterkommt. „I got tired of that shit, so I erase my wish / Fuck bein‘ famous, I don’t need all that shit“, heißt es auf dem Opener „Muddy Sea“. Die restlichen 13 Stücke treiben den Puls nicht nach oben. Stattdessen verliert sich der Hörer in Yung Leans einschläfernder Stimme und den Beats, die dahinfließen wie ein schwedisches Waldbächle. Doch wer „Stranger“ deshalb nur oberflächlich hört, verpasst unter die Haut gehende Stücke wie den Seelenstriptease „Agony“.

 

Wind River

Um den Selbstmord ihrer besten Freundin ansatzweise verstehen zu können, interviewt die 18-jährige Jacqueline Monetta in der Dokumentation Not Alone Jugendliche, die mit dem Gedanken gespielt haben, sich ebenfalls das Leben zu nehmen. Auch auf den Einfluss von sozialen Medien auf das psychische Wohlbefinden junger Menschen wird in der Doku ausführlich eingegangen. Leider kratzt „Not Alone“ nur an der Oberfläche, da es dem Problem „Selbstmord unter Jugendlichen“ keine neuen Erkenntnisse oder Denkansätze hinzufügt. Jugendliche, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, könnte der Film aber abholen. Und das ist vermutlich der eigentliche Hintergedanke von Monettas Arbeit. Mit einer Spielzeit von 50 Minuten bietet sich „Not Alone“ perfekt für den Schulunterricht an. +++ Wind River ist der neue Thriller von „Sicario“-Macher Taylor Sheridan. FBI-Agentin Jane Banner muss in einem Indianerreservat den Mord an einem 18-jährigen Mädchen aufklären. Dabei hilft ihr Wildtierjäger Cory Lambert, der sich in der schneebedeckten Berglandschaft Wyomings bestens auskennt. Elizabeth Olsen und Jeremy Renner spielen ihre Figuren völlig Gegensätzlichkeit, wachsen dennoch nachvollziehbar zu einem Team zusammen. Dadurch rückt neben den spannenden Ermittlungen auch die Beziehung der beiden Protagonisten in das Zuschauerinteresse. Die Landschaftsaufnahmen des Wind River Indian Reservation unterstreichen mit ihren endlosen Schneewüsten zudem das bedrückende Gefühl verloren zu sein, das Ermittlerin und Opfer spüren beziehungsweise gespürt haben müssen. +++ Im Netflix-Horrorfilm The Open House hat Dylan Minnette aus „13 Reasons Why“ nicht den Tod einer Schulfreundin, sondern den seines Vaters zu verkraften. Weil sich die Familie ohne den Dad finanziell nicht über Wasser halten kann, zieht sie in ein abgelegenes Haus der Tante. Doch dort erwartet sie der für Filme dieses Genres typische Schrecken. Und genau das ist das Problem: Der Film traut sich nichts Neues. Er dümpelt dahin, platziert die Kamera immer wieder hinter die Darsteller, damit sich diese zu spannungssteigernder Musik durch verwinkelte Kellergänge schleichen können. Die angespannte Beziehung zwischen Mutter und Sohn hätte der Kniff des Films werden können, doch leider spielen sowohl Minnette als auch Piercey Dalton so teilnahmslos, dass es schwerfällt, sich in ihre Welt fallenzulassen.

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