Videotext: Das erste Gefühl von Internet

Wurde die Fernsehzeitschrift mit dem Videotext unnötig?

Der deutschsprachige Videotext schreitet festen Schrittes auf seinen 40. Geburtstag zu. Wir haben uns an das erste Gefühl von Internet zurückerinnert.

 

Kinder der Neunziger werden sich mit funkelnden Augen an den Video- beziehungsweise Teletext erinnern. In einer Zeit, in der zukünftige AOL-Familien das Internet noch Cyberspace nannten, versprühte der Videotext einen Hauch von Zukunft zum Anfassen. Die bunten Texte, die sich per Fernbedienung auf den TV-Bildschirm zaubern ließen, machten Programmzeitschriften und Tageszeitungen Konkurrenz, denn sie lieferten entsprechende Informationen kostenlos ins Wohnzimmer.

 

Ab Seite 500 geht‘s ins Dark Web

 

ZDF: Mit dem Zweiten sieht man besser

Informationen, die heute per Google-Schnellsuche ruckzuck erfragt werden, kamen damals durch eine dreistellige Zahlenkombination an den Interessierten. 100 war die Startseite, 110 führte zu den Nachrichten, 200 wies den Weg zum Sport und 300 gab das aktuelle Fernsehprogramm preis. Ab Seite 500 ging es ins Dark Web des Videotextes. Sex-Hotlines, zwielichtige Werbeanzeigen und Dating-Angebote schmissen sich bunt und blinkend an die Nutzer.

 

„Der Videotext funktioniert vor allem in der Kombination aus Schnelligkeit, Übersichtlichkeit, Verlässlichkeit und Präsentation“, erklärte Frauke Langguth – Leiterin ARD Text – 2010 in einem Interview zum 30-jährigen Jubiläum des Videotextes. Ihrer Meinung nach hat das Angebot noch immer eine Existenzberechtigung: „Die Teletext-Nutzung im qualitativen Bereich hat zugenommen, weil die Leute abends erst einmal im Videotext nachsehen, ob es sich überhaupt lohnt, überhaupt noch mal den Rechner anzuschmeißen.“

 

49 Bildzeilen ohne Informationen

 

Doch wie funktioniert die Technik hinter dem Videotext? Bei der in Europa verwendeten PAL-Fernsehtechnik besteht das Bild aus 625 Zeilen, von denen nur 576 Bildinformationen beinhalten. Britische Wissenschaftler fanden heraus, dass die 49 Bildzeilen ohne Informationen andere Elemente wie Text übertragen und zusätzlich zum Fernsehbild eingeblendet werden können. Diese sogenannten Austastlücken machten sich die Fernsehanstalten zu Nutze und führten in den siebziger Jahren den Videotext ein.

 

Auch ARD hat einen eigenen Videotext

Als erster Fernsehsender wagte sich die BBC 1973 an Testübertragungen heran. Die erste Version bestand aus 30 Seiten, wurde bis 1976 jedoch auf 100 Seiten erweitert. Außerhalb von Großbritannien zog als erstes Schweden nach. SVT begann dort 1979 mit Versuchsausstrahlungen. In Deutschland starteten ARD und ZDF 1980 eine gemeinsame Testphase ihres Videotextes. Zehn Jahre später ging der Regelbetrieb los.

 

10,4 Millionen Menschen bleiben treu

 

Mit dem Aufkommen des Internets hat der Videotext an Bedeutung verloren. 2016 nutzten in Deutschland 10,4 Millionen Menschen ab 14 Jahren den Dienst. 2006 waren es noch 17,07 Millionen. Das sind noch immer hohe Zahlen, weshalb der Videotext sicherlich nicht auf einen Schlag verschwinden wird. Doch die Entscheidung, die Fernbedienung zu drücken, fällt schwerer, wenn sich in der anderen Hand das Smartphone befindet.

 

Der Videotext hat noch immer eine Daseinsberechtigung. Sender nutzen ihn, um Filme zu untertiteln, Tweets in Echtzeit einzublenden oder Hinweise zu kurzfristigen Programmänderungen einzusteuern. Die Fangemeinde scheint sogar so groß zu sein, dass ARD und ZDF Online-Versionen für die Browsernutzung anbieten. Im Jahre 2018 ist der Videotext zwar nicht mehr so relevant wie vor 20 Jahren, doch er steht kurz davor, Kult zu werden. Und wenn das erst einmal passiert ist, wird er für immer bleiben.

 

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.




Facebook
Twitter
Instagram