Review: Girlboss

Seit dem 21. April auf Netflix: „Girlboss“

Dachbodenplünderer aufgepasst: Die Netflix-Serie „Girlboss“ zeigt, wie aus einem eBay-Store ein Millionengeschäft wird. Mittelfinger- und Ellbogeneinsatz inklusive.

 

„Girlboss“ erzählt in den 13 Folgen der ersten Staffel vom Aufstieg der Jungunternehmerin Sophia Marlowe. Diese eröffnet aus Geldnot heraus einen eBay-Store namens Nasty Gal Vintage, in dem sie Secondhand-Klamotten verkauft. Das Geschäft läuft so gut, dass sie zwei Jahre später einen von eBay losgelösten Online-Shop gründet. Fashion-Spezialisten dürften bereits beim Begriff „Nasty Gal“ aufgehorcht haben. Die Serie basiert auf der Autobiografie von Sophia Amoruso, die 2008 unter diesem Namen tatsächlich ein erfolgreiches Online-Geschäft aufbaute.

 

Fehler machen und daraus lernen

 

Sophia ist eine unsympathische Figur: Launisch, ichbezogen und aggressiv. Auf der anderen Seite kann sie aber auch ehrlich, lustig und zielstrebig sein. Kurz gesagt: Sophia ist eine Mischung aus Kimmy Schmidt, Xena und einem Schachtelteufel. Viele Kritiker warfen der Serie vor, eine so unausstehliche Figur könne nicht 13 Episoden tragen. Darüber lässt sich streiten, denn „Girlboss“ klatscht dem Zuschauer keine reuelose Exzentrikerin um die Ohren, sondern eine Figur, die viele Fehler macht und daraus lernt.

 

Auf jedes „Fuck you“ folgt eine Träne der Buße. Doch die Serie zieht diese einfache Darstellung emotionaler Ambivalenz nicht stumpf durch. In der ersten Szene der Pilotfolge ist Sophia noch eine andere Person als in der letzten Szene der finalen Episode. „Girlboss“ zeigt eine Charakterentwicklung, die die nervigen Eigenschaften der Protagonistin nachvollziehbar und somit erträglich macht. Mit dem Erfolg ihrer Unternehmung wächst sie auch menschlich. Die zuletzt aus „Mr. Church“ bekannte Britt Robertson geht in dieser Rolle auf und bewirbt sich damit als Indy-Darling auf Zooey-Deschanel-Niveau.

 

MySpace-Ära perfekt eingefangen

 

Die Vorlage: Sophia Amorusos Biografie

Die Riege an Nebenfiguren ist lang, was bei einem Plot, der sich über zwei Jahre zieht, Sinn macht. Trotzdem wirken Figuren wie Sophias Nachbar Lionel (RuPaul Charles) oder ihr zeitweiliger Boss Rick (Norm Macdonald) überflüssig. Diese fungieren maximal als Stichwortgeber. Anders sieht es hingegen mit Annie (Ellie Reed), Shane (Johnny Simmons) und Gail (Melanie Lynskey) aus, die die wichtigen Rollen der Freundin, des Freundes und der Gegenspielerin einnehmen. Sie tragen maßgeblich zum Vorankommen der Geschichte bei und erleben – allen voran Annie – selbst große Entwicklungen.

 

Die unter anderem von Charlize Theron produzierte Serie überrascht immer wieder mit neuen Ideen: Mal gibt es eine Rückblende, mal geht es auf einen Roadtrip, mal wird ein Familienmitglied besucht, mal eine virtuelle Forendiskussion visualisiert. Mit eingesetzten Gadgets wie Computern und Handys, dem in die Periode passenden Soundtrack und Zeitdokumenten wie Ausschnitten aus „O.C. California“ wird die MySpace-Ära perfekt eingefangen. Heute 30-Jährige fühlen sich an ihre hoffentlich wilden Jahre zurückerinnert, in denen Tom ihr allerbester Freund war. „Girlboss“ besitzt eine eigene Ästhetik, stellt diese aber nicht als Hauptverkaufsargument, sondern als unwiderstehlichen Bonus dar.

 

Von 223.000 auf 23 Millionen Dollar

 

„Girlboss“ eckt mit einer bewusst aufgekratzten Hauptfigur an. Wer sich mit Sophia in der ersten Folge anfreunden kann, wird die Serie lieben. Alle anderen sollten es bleiben lassen. Die echte Sophia wird es nicht jucken, denn die machte auch nach 2008 weiter. Zwischen 2008 und 2011 stieg der Umsatz des Shops von 223.000 auf 23 Millionen Dollar. 2015 trat sie als CEO von Nasty Gal zurück. Im November 2016 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Sophia Amoruso betreibt derzeit die Website girlboss.com, hat einen eigenen Podcast und unterstützt mit der Girlboss-Foundation Frauen in der Kreativbranche.

 

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