Kurz & knapp #17: Turbostaat, SSIO, Dirty Grandpa, Deadpool, Firewatch…

So viele spannende Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringe ich es daher in Kurzreviews auf den Punkt. Diesmal mit dabei: Laas Unltd., Turbostaat, Basia Bulat, Get WellSoon, SSIO, Nevermen, Dirty Grandpa, Sisters, Deadpool, Erschütternde Wahrheit, Hardcore: Rivals, Unravel & Firewatch.

 

Basia Bulat „Good Advice“

Es ist wahrlich nicht leicht, Laas Unltd. zu sein. Unbestreitbar einer der besten Rapper Deutschlands hat er dennoch nie den großen Durchbruch geschafft. Schlimmer noch, war er in der Vergangenheit des Öfteren Zielscheibe von Häme und Disserei seiner Kollegen. Nun ist Schluss damit, denn Kool Savas‘ Back-Up-MC tritt mit seinem neusten Album „Daemon“ zum Befreiungsschlag an. Zwölf Songs, die sich voll und ganz auf Laas‘ Seelenleben und seine Einstellung zur hiesigen Szene konzentrieren. Alles handwerklich gute bis sehr gute Stücke, denen man den unstillbaren Hunger ihres Interpreten anhört und die abgesehen von einer schnulzigen Xavier-Naidoo-Hook staubtrockene Rap-Sounds sind. Und wenn Laas Unltd. am Ende des Albums dann noch den gänsehauterzeugendsten deutschsprachigen Part des noch jungen HipHop-Jahres raushaut, weiß auch der letzte Zweifler, dass dieser „Madrapper“ kein schlechter ist. +++ Knapp drei Jahre sind seit „Stadt der Angst“ vergangen, nun melden sich Turbostaat mit einem Konzeptalbum namens „Abalonia“ zurück und erschaffen darauf eine Welt, in der die Suche nach einem besseren Ort im Mittelpunkt steht. Doch zum Glück funktioniert die Platte auch ohne den großen Konzeptüberbau. Das Album fällt immer wieder aus dem Rahmen aus, wenn es für einen guten Song notwendig ist. Sänger Jan Windmeier singschreit sich dabei durch Stücke, deren Zugänglichkeit trotz clever verkopfter Zeilen und unter wunderschöner Sperrigkeit versteckter Melodien aus allen zehn Liedern hervorquillt. +++ „When I’m in love, nobody else for me to blame“ – lautstark möchte man bei den wunderschönen Songs der kanadischen Singer-Songwriterin Basia Bulat mitsingen, welche sie für ihr viertes Studioalbum „Good Advice“ geschrieben hat. Bezaubernde Stücke, die ganz tief aus dem Fass der Emotionalitäten schöpfen und immer ein Stück zu bombastisch und komplex klingen, um als simple „Mädchen mit einer Gitarre“-Musik abgetan zu werden.

 

Get Well Soon „LOVE“

Seit dem letzten Album „The Scarlet Beast O‘ Seven Heads“ von 2012 hat Multiinstrumentalist Konstantin Gropper mit dem Edelprojekt Get Well Soon jede Menge Musik in Form von EPs und Soundtracks veröffentlicht. Nun steht mit „LOVE“ die nächste große Langspielplatte in den Läden und ist routinierte GWS-Kost, die nicht mehr den ganz großen orchestralen Klangprotz braucht, um sich in Ohr und Herz festzusetzen. Statt eine Streicherspur über die nächste zu legen, wird in Stücken wie „33“ auf stimmungsvolle Melancholie gesetzt, die den Kapellenwahnsinn von früher ad acta legt. Wie es der Titel bereits verrät, dreht sich das Album um das Gefühl mit dem großen L. Und das kann mal traurig, mal fröhlich oder auch einfach nur schön sein. Genau wie diese tolle Platte. +++ Rapper SSIO geht dem Problem des schwierigen nächsten Albums aus dem Weg, indem er einfach nochmal das gleiche Album herausbringt. „0,9“ gleicht soundtechnisch und inhaltlich seinem Vorgänger „BB.U.M.SS.N“ derartig, dass das daran angelehnte Plattencover absolut nachvollziehbar ist. Also erneut ordentlich knallende Boombap-Beats und Raps, in denen mit SSIOs höchsteigenem Humor das Leben zwischen FKK-Club, BMW-Händler und Jobcenter thematisiert wird. Danke, lieber SSIO, dass du auf Experimente verzichtet hast und ein weiteres Mal den bewährten Spaß ablieferst. +++ 2016 hat seine erste große Supergroup: Mike Patton von Faith No More, Tunde Adebimpe von TV On The Radio und Doseone von Themselves sind Nevermen. Das selbstbetitelte Album erhebt die Stimmen der drei Musiker zum Hauptinstrument, das aus Gesang, Raps und Spoken-Word-Einlagen besteht. Den Rest machen synthetische Melodien, jede Menge Bass und eine riesige Portion Atmosphäre aus. Vom ersten bis zum letzten Song präsentiert sich „Nevermen“ als ein Album, das nicht im Hintergrund rumplätschern, sondern in aufgedrehten Kopfhörern ein Begleiter durch den Tag sein möchte. Emotionale Musik, die sofort Klick macht und kein langes Warmhören erfordert. Mein bisheriges Musik-Highlight 2016.

 

Dirty Grandpa

Braucht Robert de Niro dringend Geld? Ist sich Zac Efron nach seiner letztjährigen Vollpleite „We Are Your Friends“ für nichts mehr zu schade? Dirty Grandpa bewirbt sich jetzt schon für den schlechtesten Film des Jahres, denn Dan Mazers Komödie rund um einen Opa, der noch einmal ordentlich Party machen möchte und dessen Enkel, der damit so langsam mal anfangen sollte, ist zotig bis zur Schmerzgrenze und lediglich lustig, wenn man auch sonst zu Fail-Compilations onaniert. Ficki-Kacka-Humor der untersten Schublade, der besonders schlimm ist, wenn er aus dem Mund eines Schauspielers kommt, der in Klassikern wie „Goodfellas“, „Der Pate“ oder „Ronin“ Jahrhundertleistungen abgeliefert hat. Wenigstens kann sich der Soundtrack hören lassen, der gleich zu Beginn mit dem wunderbaren „Daylight“ von Matt & Kim auftrumpft. +++ Gibt es eigentlich irgendjemanden, der Tina Fey nicht mag? Selbst die solide aber nach dem Schauen schnell wieder vergessene Komödie Sisters wird daran wohl nichts ändern. Die Schwestern Maura (Amy Poehler) und Kate (Tina Fey) kehren als erwachsene Frauen zurück in ihr Elternhaus, um vor dessen Verkauf noch ein letztes Mal Party zu machen, als wären die beiden wieder 16. Dass das Geschwisterpärchen keine weitere Teenie-Sause benötigt, sondern viel eher mit ihrer Jugend abschließen und im eigenen Leben ankommen sollte, ist die langweilige Prämisse des dennoch kurzweiligen Films. Zu lachen gibt es dank der beiden wunderbar harmonierenden Protagonistinnen trotzdem genug und hervorragend von bspw. John Cena und James Brolin besetzte Nebenrollen machen diesen harmlosen aber durchaus sehenswerten Streifen perfekt.

 

Deadpool

Dringend notwendigen frischen Wind bringt Ryan Reynolds mit seinem Herzensprojekt Deadpool in das völlig überlaufene Genre der Superheldenfilme. Optisch und inhaltlich nah an die Comicvorlage angelehnt, flucht und metzelt sich der rotgekleidete Antiheld durch einen knapp zweistündigen nichtjugendfreien Streifen, der sich selbst so ernst nimmt wie sein durchgeknallter Protagonist die X-Men. Vierte Wände werden gebrochen, eine Popkultur-Referenz nach der anderen zitiert und ein fetziger Soundtrack rausgeballert. Das ist zwar alles ziemlich flach und eindeutig „style over substance“, aber manchmal reichen ein paar coole Lacher, wenn das Endprodukt von Anfang bis Ende so hervorragend unterhält. +++ Bevor Will Smith in „Suicide Squad“ die um sich schießende Dreckssau mimt, darf er in der Rolle des Dr. Bennet Omalu noch einmal den Gott im Herzen tragenden Menschenretter spielen. Erschütternde Wahrheit ist ein auf wahren Begebenheiten basierendes Sport- bzw. Medizindrama, das Dr. Omalus Kampf gegen die NFL und deren Vertuschung von Hirnschäden bei Langzeitprofis zeigt. Das ist vor dem Hintergrund, dass dieser Film keine Fiktion ist, eine wirklich bedrückende Angelegenheit, die Smith in einer leidenschaftlichen Rolle präsentiert, welche nichts mehr mit dem Fresh Prince vergangener Tage zu tun hat. Relativ längenlos hält sich der Film – abgesehen von vermeintlich tiefgründigen „ich glaub an dich“-Dialogen zwischen Omalu und seiner Frau – nicht mit unnötigen Szenen auf. „Erschütternde Wahrheit“ kann durchaus als mutiger Film bezeichnet werden, dessen Tragweite für die US-amerikanische Sportkultur von unserer europäischen Warte aus höchstwahrscheinlich gar nicht beurteilt werden kann.

 

Unravel

PlayStation-4-Besitzer freuen sich nach dem letztjährigen Überraschungserfolg „Rocket League“ über ein neues kompetitives Online-Arena-Rennspiel. Hardcore: Rivals ist ein Autokampfspiel, in dem man sich mit militärisch aufgemotzten Jeeps und Panzern per Raketen, Railguns und Lasern gegenseitig von der Karte jagen muss. Das ist für 30 Minuten Gaudi wie am Rosenmontag, langweilt aber „dank“ kaum frischer Ideen und einem Design ohne Wiedererkennungswert schneller als ein „Call Of Duty“-Multiplayer-Match ohne Internetverbindung. Muss man nicht gespielt haben. +++ Wer auf der Suche nach einem zuckersüßen Feierabendspiel ist, wird mit dem Puzzle-Plattformer Unravel auf PlayStation 4, PC oder Xbox One schöne Abendstunden verbringen. Entwickler Coldwood Interactive schickt sein Wollmännchen Yarni durch eine wunderschöne 2D-Welt, in der es knifflige Rätsel im Stile eines „Limbo“ zu lösen gilt. Die PhyreEngine leistet dabei ganze Arbeit und lässt die Levels in bunter Pracht erstrahlen. Das von Electronic Arts veröffentlichte Spiel bietet zwar den einen oder anderen Frustmoment, wenn bspw. Checkpoints unfair gesetzt oder Geschicklichkeitspassagen zu frickelig sind, doch einmal gestartet, möchte man die Finger nicht mehr vom Pad lassen. +++ Eine ähnlich beruhigende Wirkung hat Campo Santos First-Person-Adventure Firewatch. Spielfigur Henry wird von der Demenz seiner Frau völlig aus dem Leben gerissen. Lange geschmiedete Zukunftspläne sind dahin und er entscheidet sich, einen Job als Firewatcher in den Wäldern Wyomings anzunehmen. Die außergewöhnliche nicht immer ruckelfreie Comicgrafik und die mal schöne, mal bedrückende Atmosphäre lassen das Spiel in einem ganz eigenen Ton erscheinen. Hier geht es nicht darum, im Sekundentakt möglichst effektvoll Zombieköpfe von Zombiekörpern zu trennen, sondern in einer bedächtigeren Geschwindigkeit eine liebevoll gestaltete Welt zu entdecken. Die Geschichte wird einem nicht aufgedrückt, fordert stattdessen, dass man sie sich selbst erarbeitet. Das fesselt nicht immer, nervt im letzten Drittel des Spiels gar ein wenig, doch unterm Strich ist „Firewatch“ ein außergewöhnlicher Titel, der gerade für Fans von „Ether One“ oder „The Vanishing Of Ethan Carter“ genau das Richtige ist.

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