Kurz & knapp #15: Baroness, Kollegah, Just Cause 3, Jane Got A Gun, Elektra…

So viele spannende Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringe ich es daher in Kurzreviews auf den Punkt. Diesmal mit dabei: Freddie Gibbs, Baroness, Puff Daddy, Young Thug, Kollegah, Haftbefehl, Anna von Hausswolff, Call Of Duty: Black Ops 3, Just Cause 3, Blacktape, La Dispute, Jane Got A Gun, F Is For Family, Avengers und Elektra.

 

Freddie Gibbs „Shadow Of A Doubt“

Bereits ein Jahr nach „Piñata“ – dem gemeinsamen Tonträger mit Madlib – ist Rapper Freddie Gibbs mit seinem zweiten Soloalbum „Shadow Of A Doubt“ zurück. Darauf präsentiert der vierte verschollene BeeGee 17 Stücke, deren Genialität sich nach einem Hördurchgang längst nicht erfassen lässt. Persönliche Themen finden dabei ebenso statt wie die Degradierung des nächstbesten Gegners. Und das wirklich Beeindruckende an dieser durch und durch fantastischen Platte ist vor allem das moderne Gewand, in das sie in Sachen Instrumentals gewickelt wurde. Statt des klassischen Realkeeper-Boombaps alter Tage gibt es beinahe schon Annäherungen an Trap-Styles („Lately“), hittige singsang-Raps („Careless“) und futuristische Sounds, die klingen, als würde Gibbs Fensterscheiben mit einem 10kg schweren Ziegelstein einschmeißen („Cold Ass Nigga“). Freddie Gibbs ist ein wandlungsfähiger Rapper, der auf ein unbestreitbares Können als schier kompletter MC zurückzugreifen kann. Hier beweist er es aufs Neue. +++ Nach einem schweren Busunfall 2012 während der Tour zu ihrem Album „Yellow & Green“, bei dem sich Sänger John Baizley Arm und Bein sowie Schlagzeuger Allen Blickle und Bassist Matt Maggioni die Wirbelsäulen brachen, sah es düster um die Zukunft der Prog-Metal-Band Baroness aus. Doch drei Jahre später können Fans aufatmen, denn die Band ist mit einem Album zurück, das wie der Soundtrack zum Weitermachen und Kämpfen klingt. „Purple“ ist ein 42-minütiger Koloss voller Hymnen, die sich – wie im Falle von „Shock Me“ oder „If I Have To Wake Up (Would You Stop The Rain?)“ – mit schweren Gitarrenwänden und eingängigen Refrains im Ohr festsetzen und noch so tief verstecktes Selbstbewusstsein an die Oberfläche prügeln. Oder wie es in „Chlorine & Wine“ heißt: „Whatever you give me / Please know that I’ll ask you for more“ – Musik von Kämpfern für Kämpfer! +++ Zwei kostenlose Download-Tipps: Puff Daddy feiert mit seinem Mixtape „MMM“ bis auf ein paar Abstriche gebührend Geburtstag und Young Thug füttert seine immer weiter wachsende Hörerschaft mit der radiotauglichen Mischkassette „Slime Season 2“. Beide Veröffentlichungen für ein, zwei Hördurchgänge durchaus annehmbare Angelegenheiten.

 

Haftbefehl „Unzensiert“

Nachdem er mit seinem letztjährigen Album „King“ endgültig in den Reihen der HipHop-Topverdiener dieses Landes angekommen ist, kehrt Kollegah mit dem „Zuhältertape 4“ zu seinen Wurzeln zurück. 20 Wortspiel- und Flowabfahrten mit übertriebenem Waffengelaber gibt es auf der Veröffentlichung – die sich an Fans der ersten Stunde richten soll – zu hören. Mitunter kann das richtig anstrengend werden. Marcus Staiger bezeichnete Kollegahs Kunst im 16Bars-Jahresrückblick dementsprechend als „Hausaufgaben-Rap“. Die Vergleiche und Metaphern sind mitunter derart intelligent um die Ecke gedacht, dass man nur seinen Hut ziehen kann. Die völlig losgelöste Freude an der Musik muss sich bei all dem Mitdenken jedoch des Öfteren hinten anstellen. +++ Ohne große Vorankündigungen erschien „Unzensiert“ – das nur digital erhältliche Mixtape von Haftbefehl. Auf den 16 Stücken gibt sich der Rapper als Beobachter der Gesellschaft („Brudi namens Fuffi“), prangert Polizeigewalt an („CopKKKilla“) oder bewirbt seine neue Klamottenmarke („Chabos“). Musikalisch reicht das fast ausschließlich von Bazzazian produzierte Tape von Boombap bis Trap und ist damit nicht nur inhaltlich die wohl abwechslungsreichste Veröffentlichung, die Haftbefehl bisher auf die Beine gestellt hat. Ein guter Typ, der etwas zu erzählen hat und dies mit einem unverkennbar eigenen Style tut. +++ Anna von Hausswolff liefert mit ihrer vierten Veröffentlichung „The Miraculous“ eine Platte ab, in die man vom ersten bis zum neunten und letzten Song ganz tief eintauchen kann. Die Schwedin verliert sich minutenlang in instrumentalen Soundwelten, die so abstrakt, aber auch melodiös sind, dass man aus dem Träumen gar nicht mehr herauskommt. Dazwischen blitzt immer wieder ihr kalt-süßlicher Gesang hervor, der schaurig schön die bedrückende Stimmung des Plattencovers einfängt. Frau von Hausswolff nimmt sich die nötige Zeit und lässt in Stücken wie „Come Wander With Me/Deliverance“ ein 11-minütiges Monster auf den Hörer los, das zwischen sphärischen Klängen und harten Drums immer wieder hin und her pendelt. Nie war Sperrigkeit so schön wie auf „The Miraculous“.

 

Just Cause 3

Wirklich ausgiebig getestet habe ich in Treyarchs Egoshooter-Spektakel Call Of Duty: Black Ops 3 den Kampagnenmodus. Dieser fällt gut zwei Stunden länger aus als noch bei den beiden Vorgängern und besticht durch eine Geschichte, die zwar alles andere als leicht nachvollziehbare Kost ist, mit ihrer mystisch-psychedelischen Erzählweise aber erfrischend unkonventionell für ein Spiel dieser Reihe ausgefallen ist. Gameplay-technisch erinnert „Black Ops 3“ an „Advanced Warfare“ aus dem letzten Jahr oder an das mittlerweile ein Schattendasein fristende Konkurrenzprodukt von Respawn Entertainment. Denn mit Science-Fiction-Gadgets bewaffnet, gleiten wir in „TitanFall“-Manier an Wänden entlang und schalten Gegner im Nahkampf mit unseren kybernetisch verbesserten Anzügen aus. Der Rest des Spiels ist ein Inhaltsmonster, das es so noch nie in der CoD-Geschichte gab. Ein komplexer Multiplayer-, spektakulär inszenierter Zombie-, obligatorischer Trainings-, etwas überflüssiger Albtraum- und „versteckter“ Arcade-Modus bieten unzählige Stunden Motivation. Die Reihe hat mit diesem Teil den Content-Wahnsinn heutiger Open-World-Spiele im Blick gehabt und entwickelt sich zumindest in Sachen Fülle des Gebotenen in entsprechende Richtungen. Hier lohnen sich die 70 Euro auch für Spieler, die nicht auf der Jagd nach den Prestige-Rängen sind. +++ Richtig enttäuscht wurde ich dagegen von Just Cause 3. Gefreut habe ich mich auf ein durchaus plumpes aber actionreiches Spiel, bei dem ich mehr Explosionen auslöse als Schritte über die zugegebenermaßen schicke Karibikinsel mache. Leider steht sich „Just Cause 3“ beispielsweise bei dem Erobern von Städten und Militärstützpunkten selbst im Weg. Denn statt ordentlich Krach zu machen, muss man auf einer Art To-Do-Liste bestimmte Gebäude und Objekte in die Luft jagen. Klingt gut, verkommt aber tatsächlich häufig zu einer Ostereisuche nach den noch letzten offenen To-Do‘s, die den kompletten Spielfluss stört. Ein sperriges Gameplay und eine Story so flach wie ein Dünndruckpapier setzen dem ganzen noch eins oben drauf. Irgendwie flowt das trotz der spannenden Kombination unterschiedlicher Gadgets wie Fallschirm oder Greifhaken einfach nicht. Wirklich schade.

 

Blacktape

Mit Blacktape hat der ehemalige Freundeskreis-Rapper Sékou Neblett einen der besten deutschen HipHop-Filme überhaupt geschaffen, der sich ohne Schwierigkeiten zwischen den wenigen Perlen des Genres (es seien an dieser Stelle „Wholetrain“ und „Blutzbrüdaz“ genannt) einreiht. Dabei ist die Art und Weise, wie sich „Blacktape“ präsentiert, so außergewöhnlich wie aufregend. In dokumentarischen Interview-Abschnitten wird die Entwicklung des deutschen HipHops von Szenegrößen wie Max Herre, Afrob, Azad oder Haftbefehl erläutert. Die deutlich spannenderen Momente des Films sind jedoch die, in denen die HipHop-Aktivisten und -Journalisten Falk Schacht und Marcus Staiger gemeinsam mit Regisseur Sékou im Mockumentary-Stil auf die Suche nach der fiktiven Old-School-Legende Tigon gehen. Egos prallen aufeinander, Kulturgeschichte wird ergründet und der eigene Bezug zur HipHop-Szene beleuchtet. „Blacktape“ inszeniert charismatische Charaktere, mit denen sich nicht nur HipHop-Kenner, sondern auch Szenefremde identifizieren können. Dabei ist ein völlig unpeinlicher Film entstanden, der der einflussreichsten Jugendkultur dieser Welt ein authentisches Denkmal setzt. Nicht mehr und nicht weniger. +++ Eine relativ klassische Musikdoku liefern La Dispute mit Tiny Dots ab. Die Hardcore-Band aus Michigan präsentiert sich in den 90 Minuten, die neben den Mitgliedern auch Fans, Freunde und Familie zu Wort kommen lassen, als geerdete Gruppe von leidenschaftlichen Musikern ohne Superstarambitionen. Noch sympathischer kann ein derartiges Werk seine Protagonisten nicht ins Licht rücken. Neben dem Hauptfilm gibt es einen mittellangen Konzertmitschnitt, der eine DVD-Veröffentlichung abrundet, die in sich stimmig, aber definitiv nicht so außergewöhnlich ist wie die Alben der Band.

 

Natalie Portman mimt in Jane Got A Gun einen weiblichen Revolverheld, der gezwungenermaßen Familie und Hof gegen Vagabunden und Vigilanten verteidigen muss. Was wie ein Statement für starke Frauen in einer von Männern dominierten Welt klingt, ist tatsächlich ein Film, der seine Protagonistin alles erleiden lässt, was man einer Frau im Film klischeehaft antun kann. Und am Ende braucht sie zu allem Überfluss die Hilfe eines noch cooleren Mannes. Ein unterhaltsamer Streifen, der so viel mehr hätte sein können. +++ Netflix kann es einfach nicht sein lassen: Nun hat es der Streaming-Dienst auf die gezeichneten Fernsehfamilien abgesehen, deren Fans mit „Family Guy“ und den „Simpsons“ eigentlich schon genug Lachmaterial haben. Die erste und mit sechs Folgen recht kurze Staffel von Bill Burrs und Michael Prices Zeichentrickserie F Is For Family ist dennoch kein billiger Abklatsch, der auf den von Homer und Peter gefahrenen Erfolgszug aufspringen möchte. Der vom Leben frustrierte Familienvater Frank Murphy erlebt seine mit Alltagsproblemen gefüllten Geschichten nicht im hier und jetzt, sondern im Amerika der siebziger Jahre. Statt inhaltlich in sich abgeschlossene Episoden gibt es darüber hinaus einen kontinuierlichen Plot, der sich durch alle sechs Folgen zieht und somit eine Entwicklung der Figuren zulässt. Derber Humor, der sich direkt neben „South Park“ einreiht und jede Menge interessante Nebencharaktere, die den damaligen Zeitgeist einfangen, komplettieren eine liebevoll produzierte Zeichentrickserie, die Netflixern die Wartezeit bis zur nächsten Season von „Bojack Horseman“ versüßt.

 

Avengers: Ultrons Zorn

Wer vom Marvel-Blockbuster „Age Of Ultron“ nicht genug bekommen kann, wird mit der Graphic Novel Avengers: Ultrons Zorn besonders glücklich werden. Autor Rick Remender und die Zeichner Jerome Opena und Pepe Larraz spinnen eine Rachegeschichte um die künstliche Intelligenz Ultron, die mehrere Generationen des mächtigen Superheldenteams umfasst. So bekommen wir nicht nur den originalen Captain America in Form Steve Rogers zu sehen, sondern beispielsweise auch die Neuinkarnation Sam „Falcon“ Wilson. Der Plot selbst stellt die klassische Frage, ob eine sich weiterentwickelnde KI die gleichen Rechte wie alle anderen Lebewesen haben sollte und ein Abschalten entsprechend Mord gleichkäme. Ein fesselnder Band, der dem Comic-Jahr 2015 einen würdigen Schlusspunkt setzt. +++ Elektra bekommt mit „Verehrung“ ebenfalls einen Schlusspunkt, der für viele leidenschaftliche Leser ihrer Reihe viel zu früh erreicht wurde. Daredevils Ex-Geliebte legt sich noch ein letztes Mal mit ihrem Nemesis Bullseye an und gerät damit komplett an ihr Limit. Das Ganze wurde von Mike Del Mundo und Alex Sanchez fernab von gängigen US-amerikanischen Comicstandards in Bilder gemeißelt, was das Betrachten der groben und verwaschenen Zeichnungen zum Genuss macht. So kann man seinen Ausstand wahrlich feiern.

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