Charles Dickens – David Copperfield

Dieses Werk gilt als die Mutter aller Jugendromane und gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern: Eine Liebeserklärung an „David Copperfield“ von Charles Dickens.

 

Einer jungen Heldin bzw. einem jungen Helden beim Erwachsenwerden zuzusehen, ist das Schönste und Spannendste, was man meiner Meinung nach erzählerisch umsetzen kann, weshalb meine Lieblingsgeschichten auch aus dem Coming-of-Age-Genre kommen. Die charakterliche Entwicklung der Hauptfiguren ist ein der Stilrichtung geschuldetes Muss, wodurch stets Bewegung in der Erzählung stattfindet. Zwischen 1849 und 1850 erschien mit Charles Dickens achtem Roman „David Copperfield“ einer der Grundsteine dieses Genres. Im Sommer 2010 habe ich das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen, denn Charles Dickens hat seinem Protagonisten David Copperfield eine dermaßen ausgearbeitete Lebensgeschichte auf den Leib geschrieben, dass das Mitfiebern und Mitleiden so unumgänglich ist wie der atlantische Ozean auf einer Reise von London nach New York. Zwischen Schwermut, Trauer und Optimismus pendelt sich eine Geschichte ein, deren Plot auch in zeitgenössischen Erzählungen à la David Duchovnys „Californication“ wiederzufinden ist: Junge wird erwachsen, verliert sich in der Liebe, sammelt Erfahrungen und wird letztendlich Schriftsteller.

 

„It’s a mad world. Mad as Bedlam, boy.“

 

Trotz der zeitlichen Einordnung Mitte des 19. Jahrhunderts fühlte ich mich der Hauptfigur näher als einem Sven Lehmann oder Roddy Dangerblood. Die Geschichte handelt vom titelgebenden Protagonisten und dessen Werdegang im viktorianischen England. Dabei lässt der Plot von der Kindheit über die Jugend bis hin zum Erwachsenenalter nichts aus, was für die Reife und Entwicklung der Figur wichtig ist. Häusliche Gewalt in der Kindheit, Auseinandersetzungen mit dem Schuldirektor, erschöpfende körperliche Arbeit, Affären und Romanzen, Freundschaften und das schlussendliche Glücklich-Werden in einem leidenschaftlich betriebenen Beruf und einer Beziehung mit der großen Liebe. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben ist in jedem Satz, jedem Wort spürbar. Ob er unter der psychischen und physischen Gewalt seines Stiefvaters Mr. Murdstone, dem viel zu frühen Tod seiner Mutter, Uriah Heeps intriganten Machenschaften oder der Sklavenarbeit in einer Londoner Fabrik zu leiden hat, Davids Leben ist hart, er aber noch härter und – viel wichtiger – mit einem Herz am rechten Fleck gesegnet. Das ist beeindruckend und gab bereits 150 Jahre vor 2Pacs „Keep Ya Head Up“-Lyrik ein Beispiel dafür, wie ein Mensch trotz widriger Umstände seine Ziele nicht aus den Augen verliert.

 

„‘Never,’ said my aunt, ‚be mean in anything; never be false; never be cruel. Avoid those three vices, Trot, and I can always be hopeful of you.’”

 

Der als halbbiografisch geltende Roman, der der erste ist, den Dickens aus einer Ich-Perspektive geschrieben hat, bedient sich ab der Mitte des Buches eines genialen Kniffes. David erhält von seiner Tante und späteren Ersatzmutter Betsey den Namen Trotwood, der von da an immer dann zum Einsatz kommt, wenn neue oder alte Handlungsstränge voneinander abgegrenzt werden sollen. So wird dem Leser die Entwicklung, die Copperfield im Laufe der Zeit durchmacht, noch deutlicher vor Augen geführt. Auch die Trennung zwischen einem erlebendem und einem berichtendem Ich boten Dickens weitere Möglichkeiten, charakterliche Fortschritte deutlicher herauszuarbeiten. Die bildliche Sprache, die beispielsweise bei der äußerlichen Beschreibungen einer Figur wie Uriah Heep angewandt wurde, lässt die Fantasie Purzelbäume schlagen. Weniger liebenswerte Charaktere erzeugen beim Leser das Gefühl, man müsse ihnen unbedingt die gerechte Strafe zufügen. Ohne großartig spoilern zu wollen, sei an dieser Stelle verraten, dass Dickens diesem Wunsch in klassischer Romanmanier nachkommt. Überhaupt werden Erzählstränge, die sich durch lange Wege des Leidens auszeichnen, versöhnlich beendet. Der Begriff des Happy Ends wurde von Dickens ganz groß geschrieben.

 

“A loving heart was better and stronger than wisdom.”

 

Ein zentraler Handlungsstrang sind die Romanzen des David Copperfields. Er stürzt sich in die Liebe, findet dadurch den vermeintlichen Seelenfrieden und heiratet schlussendlich die bezaubernde Dora Spenlow. Eine Partnerin, die dargestellt wird, als müsse man sich einfach in sie verlieben. Doch von Melancholie getrieben, wird ihm klar, dass nur seine Jugendliebe Agnes Wickfield die Richtige für ihn ist. Dickens macht es sich und seiner Hauptfigur einfach. Dora stirbt früh, gibt vor ihrem Tod David aber noch das Okay für eine Heirat mit Agnes. Dadurch kann der Leser David keinen Vorwurf machen. Er handelt mit reinem Gewissen, auch wenn die Trauer um seine Dora groß ist. Doch in „David Copperfield“ gibt es noch so viel mehr zu entdecken, denn nicht ein einzelner Aspekt, sondern das komplette Leben spielt in dem Roman eine Rolle. Das erste Mal richtig betrunken zu sein, wird dabei sprachlich ebenso blumig in Szene gesetzt wie die berufliche Ausbildung und der daraus resultierende Traumjob als Schriftsteller. Darüber hinaus werden gesellschaftliche Missstände recht deutlich angesprochen und zeitlos präsentiert. So werden Arbeitnehmer zwar ausgebeutet, doch das Resultat daraus ist viel wichtiger als die eigentliche Misere. Denn nicht die Tätigkeit wird angeprangert, sondern die fehlende – für die persönliche Entwicklung notwendige – Freizeit bedauert. Das bietet auch eineinhalb Jahrhunderte später noch Identifikationspotenzial.

 

Meine ganz klare Aufforderung lautet: Wer es noch nicht getan hat, sollte diesen Klassiker der Weltliteratur nachholen. „David Copperfield“ von Charles Dickens wird derzeit von den verschiedensten Verlagen in deutscher Sprache herausgegeben und ist für wenig Geld im Taschenbuchformat erhältlich. Unbedingt lesen!

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