Bob Dylan: Hitze, Langeweile und Distanz zum Publikum

16.7.2015 - Lörrach, Marktplatz

Bob Dylan machte mit seiner „Never ending Tour“ am 16.7. auf dem Stimmen-Festival in Lörrach halt. Es folgt ein Konzertbericht, der von Langeweile und dem konsequenten Auslassen von Hits handelt.

 

Seit 1994 findet das Stimmen-Festival nun schon in Lörrach und den umliegenden Ortschaften statt. Neben vielen unterschiedlichen Konzertlocations steht vor allem die große Festivalbühne auf dem Marktplatz im Fokus des Geschehens. Denn dort geben sich die großen Stars der Musikbranche die Ehre. So durfte bereits am Vortag Schmusebarde Lionel Richie Lörrach mit seinen vertonten Schlüpferstürmern in den Arm nehmen. Am Tag darauf gab es in Form von Bob Dylan statt süßlichem Pop rotzigen Folkrock. Die Lage im Dreiländereck lockte auch einige Schweizer und Franzosen in die 50.000-Einwohner-Stadt, um Dylans Tourstop im Rahmen der seit 1988 laufenden „Never ending Tour“ zu sehen.

 

 

Den Anfang machte jedoch die Singer-Songwriterin Irma, die pünktlich um 20 Uhr den erfolgreichen Versuch startete, das Publikum auf einen musikalischen Abend einzustimmen. Eine gute halbe Stunde begeisterte die 27-jährige mit energiegeladenen Popnummern von ihren beiden Alben „Letter To The Lord“ und „Faces“, die mal durch Unterstützung ihrer beiden Bandmitglieder, mal durch den Einsatz einer Loop-Station und mal solo mit Gitarre dargeboten wurden. Ein einfaches weißes XXL-Shirt und schwarze Jeans zeugten vom sympathischen Slackertum der gebürtigen Kamerunerin, die wirklich das Beste aus der undankbaren Vorgruppenposition machte.

 

 

Danach lag Spannung in der Luft. Ungeduldig wurde Dylan auf die Bühne geklatscht. Eine Dreiviertelstunde ließ dieser sein Publikum dennoch warten, bis er 21:15 Uhr unter tosendem Applaus die Bühne betrat. Mit seinem ikonischen Hut auf dem Kopf wechselte er regelmäßig zwischen Mundharmonika und Flügel, schlurfte lässig über die Bühne und würdigte seinen Zuschauern dabei keines Blickes. Vor dem Mikrofon stellte er sich breitbeinig auf und krächzte mit seiner markanten Stimme 16 Songs runter. Das Konzert ließ jegliche Form von Showelementen vermissen, was sich unter anderem in einer auf das Minimalste reduzierten Lichtshow und keinerlei Ansagen oder Gesten Richtung Publikum zeigte. 22:45 Uhr kam es zur ersten Kontaktaufnahme mit dem ausverkauften Marktplatz. Dylan hob seine linke Hand auf Hüfthöhe.

 

 

Dieses Publikum – bestehend aus einheimischen Ü50-Viertelestrinkern, das sich in geselliger Runde ein Konzert auf dem Marktplatz ihrer Stadt anschauen wollte – kam sicherlich nicht, um das zugegebenermaßen sauber und routiniert gespielte Muckertum des Bob Dylan zu genießen. Nein, der Großteil der Zuschauer war vom konsequenten Auslassen der großen Dylan-Hits sicherlich enttäuscht. Statt „Knockin‘ On Heaven’s Door“, “I Want You” oder „Like A Rolling Stone“ gab es nur kleine Highlights in Form von “Tweedle Dee & Tweedle Dum“, “Don’t Think Twice, It’s Allright” und “I’ll Be Your Baby Tonight”. Ab und an – wie beispielsweise bei “Shelter From The Storm” – wachte das Publikum auf und gab Szenenapplaus. Stur runtergespielt wurden die Lieder vom 73-jährigen und seiner fünfköpfigen Band trotzdem.

 

 

Punkt 23 Uhr war Schluss und die Zuschauer, die nach vier Stunden eng an eng stehen in der Sommerhitze wahrscheinlich mehr geleistet hatten als Dylan selbst, waren sicherlich auch ein wenig froh, dass sie nun erlöst wurden. Lassen wir Dylans Legendenstatus außer acht und sind ganz ehrlich: Magische Konzertmomente, an die man sich sein Leben lang noch erinnern wird, wurden an diesem Abend nicht geschaffen. Dafür schrammte die rund 100-minütige Show einfach zu knapp an purer Langeweile vorbei. Jetzt hat man diesen Bob Dylan, der mal einer der größten Revoluzzer der Musikindustrie war, halt auch mal live gesehen. Ein Konzert für Listen, die man abhakt, aber nicht für Menschen, die auf Konzerten Spaß haben wollen. Da ist es nur exemplarisch, dass die Menge beim jungen Straßenmusiker am Eingang, der einen Dylan-Hit nach dem anderen interpretierte, mehr aus sich herausgegangen ist.

1 Comments

  1. Robert Allen Zimmerman 17.05.20 // 13:58 um 13:58

    Hatte der Autor vielleicht selbst einen schlechten Tag und projizierte das auf das Konzert? Ich und die vielen jungen (kein „Ü50-Viertelestrinker“ in Sicht) Menschen um mich herum hatten nämlich eine großartige Zeit. Auch knapp fünf Jahre später sehe ich mich noch auf dem Marktplatz in der Menge stehen, dem fantastischen Set (https://www.setlist.fm/setlist/bob-dylan/2015/marktplatz-lorrach-germany-3bf6dc3c.html) lauschen und sogar magische Momente erleben.

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