Review: Beginner – Advanced Chemistry

beginner13 Jahre sind seit ihrem letzten Album „Blast Action Heroes“ vergangen. 13 Jahre in denen deutscher HipHop den Gangsta- und Straßen-Rap für sich entdeckt, in den sozialen Medien ein Zuhause gefunden und dutzende goldene Platten abgestaubt hat. Passt „Advanced Chemistry“ – das neue Album der Beginner – da noch rein?

 

Ich wollte „Advanced Chemistry“ wirklich mögen. Die erste Videoauskopplung „Ahnma“ hat zwar eine gewöhnungsbedürftige Gentleman-Hook, die mir einfach nicht im Ohr hängenbleiben wollte, dafür aber im Video atmosphärische Aufnahmen von Hamburg, ein mutiges, jedoch zugegebenermaßen nachvollziehbares Gzuz-Feature und die typischen Beginner-Texte, die zwischen sympathischen Zweckreimen und schrägen Wortspielen Erinnerungen an die gute alte Zeit um die Jahrtausendwende aufkommen lässt. Das könnte etwas werden, redete ich mir ein und kramte schon einmal vorsichtshalber den Eimsbush-Pulli raus, den ich nie besaß. Was folgte, war ein Hype, den man nicht nur in den Straßen Hamburgs, sondern auch ganz tief unten im Süden spürte. Ein neues Beginner-Album ist ein Spektakel, das sich in eine Linie mit den Grönemeyers, Nenas und Caspers einreihen darf. Da wunderte es auch nicht, dass im zweiten Musikvideo „Es war einmal“ die halbe deutsche Promiriege von Böhmermann über Mälzer bis HP Baxxter das Gesicht in die Kamera hält. Denyo, Eizi Eiz und DJ Mad sind solo – natürlich abgesehen von Udo Linderbergs Stiefsohn Eißfeldt – zwar nicht unbedingt Vollabräumer, in der Gruppe aber waschechte Superstars.

 

Hohe Erwartungen also, die „Advanced Chemistry“ zu erfüllen hatte. Und die Stimmung nach dem Release Ende August war entsprechend durchwachsen. Viele Fans und Anhänger der Band überboten sich zwar auf den Social-Media-Kanälen mit Glückwünschen zum Comeback, doch die Presse war von den Qualitäten des Albums nicht hundertprozentig überzeugt. Neue Klangmöglichkeiten, die sich der HipHop über die vergangenen Jahre erobert hat, blieben weitestgehend ungenutzt (Rolling Stone), jeder Feature-Gast würde Denyo an die Wand rappen (Die Welt), es wäre bei dem Albumtitel eine Anmaßung, soviel inhaltsleeren Schlock abzuliefern (Noisey) und überhaupt wäre das alles ideen-, lieb- und bocklos (laut.de). Wie gesagt, ich wollte das Album wirklich, wirklich mögen und gab ihm trotz aller Unkenrufe eine Chance. Es folgte ein erster Hördurchgang, der mich ernüchtert zurückließ, ein zweiter machte mich auf Denyo und seine limitierten Künste am Mic wütend, ein dritter führte mir vor Augen, dass wirklich nix hängenbleibt. Jede weitere Albumumrundung fühlte sich wie eine Qual an, da ich stets darüber nachdenken musste, welche großartigen deutschsprachigen Rap-Alben dieser Saison in den knapp 50 Minuten stattdessen Kreise in meiner Anlage hätten drehen können.

 

„Für die Obernerds und die saufenden Proleten, die Messdiener, Crackdealer, Alt-68er“, zählt Jan Delay in „Ahnma“ seine flächendeckende Zielgruppe auf. Und genau da liegt das Problem: Mit „Advanced Chemistry“ möchten es die Beginner allen recht machen. Für die Nachwuchshörer gibt’s Haftbefehl, Gzuz und Megaloh, für die Heads Scratches und Cuts von Audio88 & Yassin, Afrob, Jay-Z und Dimples D und für die Fans der ersten Stunde eine Begrüßung von Torch und jede Menge selbstreferenzielles Flash-Gelaber. Dabei kommen bemühte Party-Nummern wie „Rambo No. 5“, dazu passend nichtssagende Hangover-Stücke wie „Kater“ und Heimweharien mit oberflächlich eingestreuter Sozialkritik wie „Nach Hause“ heraus. Ich werde weder dazu animiert, die Hüften zu schwingen, noch nachdenklich zu werden. Das alles juckt einfach nicht und ist inhaltlich leider nur „blah“. Den Vogel schießen die Hamburger jedoch mit „Spam“ – einer ablehnenden Auseinandersetzung mit der hochdigitalisierten Welt – ab. Außer kurz gedachter Alt-Männer-Einstellung und ein, zwei netten Wortspielen kommt rein gar nichts rüber. Da ist es für die Beginner fast schon peinlich, wenn Megaloh einen Track später rappt: „Lauter alte rostige Denkweisen / Ich bleibe außerhalb der Box wie Geschenkschleifen.“

 

Nun muss Rap wahrlich keine tiefschürfenden Inhalte transportieren, um trotzdem gut zu sein. Manchmal reicht es, wenn die Künstler ihr Handwerk verstehen und dieses dazu nutzen, ein paar sinnentleerte aber spaßige Ansagen rauszuhauen. Lil Wayne und Konsorten haben ein ganzes Mixtape-Game darauf aufgebaut. Bei den Beginnern ärgert man sich aber über so viele aus der Zeit gefallene Zeilen, dass der Legendenstatus einfach nicht darüber hinwegtrösten kann. Selbst für Freestyles mittelmäßige Doppelreime à la „so leer“ auf „oh yeah“ oder „Laptop“ auf „Bad-Cop“, merkwürdige Metaphern („Unser Sound klingt karibisch, dein Sound klingt nach Russland“) und schiefe, irgendwie zurechtgebogene Vergleiche („Doch ein paar Firmengründungen und Pleiten später / Waren wir wieder angefixt wie Doherty Peter“) zeigen, dass diese Reimer nicht mehr mit dem State of the Art mithalten können. Es wirkt fast schon armselig, wenn man ständig auf früher und das Vierteljahrhundert Erfahrung verweist, dem Spiel aber nichts mehr hinzuzufügen hat. Saßen die drei Herren tatsächlich im Studio und dachten sich beim Hören des beattechnisch völlig drucklosen und uninspirierten Zitatmassakers „Rap & fette Bässe“, dass das ein derber Flash sei? „Advanced Chemistry“ fordert null Komma gar nicht heraus, lässt einen eigentlich nur mit dem Gefühl zurück, dass diese 13 Stücke ohne einen triftigen Grund entstanden sind.

 

1 Comments

  1. Das sind halt einfach Fotzen.

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