Review: Cam’ron – The Program

Cam’ron ist mit dem Mixtape „The Program“ zurück. Ob über Deutschland deshalb wieder ein Feuer inklusive XXXXXL-Shirts und Adlib-Imitationen ausbrechen wird, ist fraglich.

 

Anfang bis Mitte der 2000er haben die Dilpomats eine ganze Generation von Rappern beeinflusst. So schrien auch in Deutschland von nachwachsend bis etabliert alle Rapper „Ruf dein‘ Jungen“ und trugen dabei XXXXXL-Shirts mit farblich abgestimmten Baseballcaps. Cam’ron, Juelz Santana, J.R Writer, Freekey Zekey, Jim Jones, Hell Rell und 40 Cal waren der heiße Scheiß, der in der HipHop-Welt diplomatische Immunität genoss. 2007 kam der Bruch. Erst drei Jahre später näherten sich die Mitglieder wieder an und versprachen gemeinsame Projekte. Das große Reunion-Album ist nie erschienen. Stattdessen folgte das endgültige Ende der Truppe.

 

Ein Sound, der nostalgischer nicht sein könnte

 

Komplett still wurde es um die einzelnen Mitglieder nie. Und wer sich bis heute nicht von seinen neonfarbigen Klamotten trennen konnte, erhielt in den letzten Wochen eine deftige Belohnung. Nicht nur eine Diplomats-Single mit dem Titel „Once Upon a Time“ tauchte im Internet auf, auch Anführer Cam’ron meldete sich mit neuer Musik zurück. Vier Jahre nach dem Mixtape „Ghetto Heaven Vol. 1“ und ganze acht Jahre nach dem letzten Studioalbum „Crime Pays“ erschien die digitale Mischkassette „The Program“. Zwar ohne einen Gastbeitrag der alten Weggefährten, dafür aber mit einem Sound, der nicht nostalgischer sein könnte.

 

Als wären die letzten 15 Jahre nie vergangen, schließen die 46 Minuten von „The Program“ an die großen Mixtape-Klassiker von damals an. Ignorant („It’s Killa“), kitschig („Lean“) und poppig. Verdammt poppig. Cam’ron hat sich nie darum geschert, was andere Menschen von seinem Style halten. Anders sind die pinken Pelzmäntel nicht zu erklären. Und auch auf „The Program“ geht er musikalisch immer einen Schritt zu weit. „Dime After Dime“, für das Cyndi Laupers Klassiker „Time After Time“ verwurstet wurde, erfordert ein großes Selbstbewusstsein, um damit an der roten Ampel nach links und rechts zu schauen, ohne selbst rot zu werden.

 

Eine neue Ära der Diplomats?

 

Die Punchline-Dichte ist nach wie vor hoch, zitierwürdig ist davon im Jahre 2017 aber nur noch wenig. Spannend wird es viel eher, wenn Cam’ron in „Remember Game“ Rückschau und Bestandsaufnahme seines Lebens formuliert: „I been going thru this bullshit too long / My ex don’t know the definition of move on.“ Für solche Zeilen wird Killa Cam auf den Straßen von Harlem geliebt. Selbst Just Blaze kehrt auf „Kiss Myself“ zurück und pitcht die Vocal-Samples wieder in Chipmunk-Bereiche. Bei so viel alter Dipset-Schule kann Cam’ron gar nicht anders und lässt wieder den 25-Jährigen raushängen: „Everything fresh, check with the board of health / Asked if I love her, not more than myself!”

 

Ob “The Program” reicht, um eine neue Ära der Diplomats einzuläuten, ist fraglich. Viel eher können die 14 Tracks als ein Ausflug per Zeitmaschine verstanden werden. Für den Moment absolut empfehlenswert, wer sich hingegen längerfristig damit beschäftigt, sollte neben Cam’rons Ex Platz nehmen und sich ebenfalls „the definition of move on“ erklären lassen. Den Diplomats-Anführer wird solche Kritik kalt lassen. In seiner Titelstory im XXL Magazine erklärte er, weshalb Musik nicht mehr das Wichtigste ist: „Hip-hop isn’t my main source of income at this point. I just do hip-hop because I love it.” Klingt gesund!

 

„The Program“ kann hier kostenlos heruntergeladen werden!

 

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