Review: SXTN – Asozialisierungsprogramm

SXTN sind zwei Rapperinnen, die genau die richtigen Schimpfwörter kennen. Juju und Nura jedoch darauf zu reduzieren, wäre gegenüber ihrer vor kurzem erschienen Debüt-EP „Asozialisierungsprogramm“ nicht fair.

 

Erst 2014 zusammengekommen, sind die beiden Berlinerinnen Juju und Nura aka SXTN vor einigen Monaten wie aus dem Nichts auf der Deutschrap-Bildfläche aufgetaucht. Mit „Asozialisierungsprogramm“ haben sie nun ihren ersten Vorgeschmack auf eine hoffentlich lange Diskografie gegeben. Denn diese Musik, die deine Mutter fickt, auch wenn die Vortragenden keinen Schwanz haben, ist nicht nur etwas Besonderes, weil Frauen in der hiesigen Rap-Szene leider noch unterrepräsentiert sind. Nein, „Asozialisierungsprogramm“ ist unabhängig von allen Gender-Debatten ein verdammt guter Tonträger, welcher inhaltlich eine echte Erfrischung zum sonstigen Einheitsbrei darstellt, der sich rund um McFit-Mitgliedschaft und Gucci-Store-Shoppingtouren dreht. SXTN fahren Skateboard, kennen mehr Schimpfwörter als South-Park-Autoren und halten sich beim Kotzen gegenseitig die Haare. „Modelmaße, ein Mädchen rülpst nicht, ein Mädchen macht das nicht, ein Mädchen sagt nicht Hurensohn—weil wir das nicht mitmachen, feiern uns die Mädels“, erklärte Nura im Interview mit Broadly und kann sich sicher sein, dass sie genau deshalb auch von den Typen gefeiert wird.

 

Hasserfüllt und aggressiv!

 

Musikalisch ist das „Asozialisierungsprogramm“ weit weg von klassischen Boombap-Beats. SXTN haben den Zeitgeist voll eingefangen und die für sie richtigen Instrumentals herausgepickt. Die komplett von Krutsch produzierte EP wummst in Stücken wie „Deine Mutter“ oder „Fotzen im Club“ die Hausparty mit ihren synthetischen Punk-Rock-Beats zusammen, kann in „Made 4 Love“ oder „So high“ aber auch deutlich ruhiger. Für Karaoke-Freunde und Freestyle-Akrobaten befinden sich die Instrumentale aller acht Songs als Bonus-Tracks auf dem Tonträger. Stimmlich halten die beiden Rapperin meistens mit ihren brachialen Unterlagen mit und brüllen die Hooks gemeinsam druckvoll heraus: „Wir sind friedlich, was seid ihr? / Hasserfüllt und aggressiv / Doch Geld ist nur ein Blatt Papier / Roll‘ es ein und lass mal  zieh’n“. Sprachlich steht häufig eine blumige Ausdrucksweise im Fokus, die den Hurensohn direkt neben die Hurentochter stellt. Inhaltlich geht es jedoch nicht nur um Party und die möglichst brutale Degradierung des rappenden Gegenübers.

 

In „Made 4 Love“ versetzen sich die Rapperinnen in die Situation von Prostituierten und umgehen die Gefahr, oberflächliche Floskeln aneinanderzureihen, indem sie aus der Ich-Perspektive rappen. Das geht nah, da der Freier nicht als das Monster und die Prostituierte nicht als das Opfer dargestellt, sondern die Gesamtsituation, die beide Beteiligten hierhin gebracht hat, betrachtet wird: „Ich fühl‘ mich gut dabei mich auszuziehen / Weil er mir endlich auf die Titten und jetzt nicht mehr in die Augen sieht“. „Ich bin schwarz“, das Solostück von Nura, zeigt trotz der Anlehnung an den NDW-Hit „Ich will Spaß“, wie wichtig die Inhalte von SXTN sind. Denn die gebürtige Marokkanerin Juju als auch die Saudi-Araberin Nura haben nicht nur mit Sexismus sondern auch mit Rassismus zu kämpfen. Sie können es aber mit ihren Widersachern aufnehmen. SXTN sind angenehm hart und gefährlich, dabei jedoch nie der Provokation wegen frivol und asozial. Müssen sie auch nicht, denn am Ende des Tages können sie rappen und das ist das Wichtigste und für manchen Zurückgebliebenen womöglich das Schockierendste. Juju und Nura haben einen eigenen Style, sind schlau, charismatisch und passen zusammen wie Netflix und Chillen.

 

Kein Mann muss SXTN verteidigen

 

„Ich bin ein Punker, kein‘ Bock auf den Staat“, rappt Juju mit stolzgeschwellter Brust in „Wir sind friedlich“ um im Laufe des Parts fortzuführen: „Ich beleidige dich, und du hoffst es ist Spaß“. Denn den richtigen Personen – nämlich denjenigen, die meinen, dass das Ganze der Frauenrolle nicht gerecht wird – muss vor den Kopf gestoßen, ach was, der Kopf abgerissen werden. Das Wunderbare an der Sache: SXTN brauchen keinen starken Mann, der sich vor sie stellt, um die Ehre der Frau zu verteidigen und damit zum Teil des Problems wird, sondern machen den Job einfach selbst. Mit Alkoholatem und geballter Faust. Es ist dennoch traurig, dass es 2016 für einen (hoffentlich) kleinen Teil von Menschen nicht okay ist, wenn Frauen machen, was sie möchten. „Schlampen“, schrieb YouTube-User Erdinc Bayram unter das mit einer ordentlichen Rocker-Attitüde ausgestattete Musikvideo zu „Deine Mutter“, wurde von Warriorx aber folgerichtig zur Rede gestellt: „Aber wenn die Lines von ‘nem Typen wären, dann wär’s wieder nice oder was?“.

 

Die Frage, ob sich diese Review zu sehr damit beschäftigt, dass SXTN Frauen sind und zu wenig mit ihrer Musik, ist durchaus berechtigt. Doch wenn sie in „Hass Frau“ Alice Schwarzers Vortrag eines King-Orgasmus-One-Textes aus der berühmtberüchtigten Talk-Show „Maischberger“ für einen Refrain zusammenschneiden und in den Strophen aus der Sicht eines männlichen Porno-Rappers sprechen, ist das verstörend gut: „Diese eine Vergewaltigung kann ich verstehen / Wenn die Olle wie ’ne Bitch rausgeht – selber schuld!“ Frausein bietet 2016 eben leider noch immer nicht die gleichen Möglichkeiten wie Mannsein. SXTN behandeln diesen Aspekt auf eine coole Art und Weise, mit der sich sicherlich viele junge Mädchen und Frauen identifizieren können. „Asozialisierungsprogramm“ ist ein ganz dickes Ausrufezeichen, das Lust auf mehr macht. Wenn SXTN unaufhörlich an ihrer Kunst feilen und die eine oder andere Idee vielleicht noch etwas weiterdenken, könnte uns ein großartiges Debütalbum bevorstehen. Talent, Kreativität, Hype und zumindest ein Booking-Deal mit Four Artists befinden sich bereits auf der Habenseite.

 

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