Review: Olli Schulz – Scheiß Leben, gut erzählt

Olli Schulz will auf „Scheiß Leben, gut erzählt“ mehr. Doch wollen heißt nicht unbedingt können.

 

„Wie eine besoffene Ballerina am Abend vor der Premiere schwebt und stampft sich ‚Scheiß Leben, gut erzählt!‘ durch seine 10 Songs“, schrieb Thees Uhlmann in einem wunderschön formulierten Facebook-Post über Olli Schulz‘ neues Album. Er sei stolz auf seinen Freund, weil er neben all den normalen Sachen nun auch etwas Außergewöhnliches erschaffen habe. „Scheiß Leben, gut erzählt“ fühlt sich tatsächlich wie Schulz‘ bisher anspruchsvollstes Werk an. Dabei schwingt in vielen der Stücke eine gewisse Müdigkeit vom Dasein als Person des öffentlichen Lebens mit.

 

Lange keine Musik mehr gehört

 

„Du schockst nicht mehr“, singt Schulz im Refrain des Eröffnungsstücks. In den Strophen spricht er zwar ein Gegenüber an, doch damit kann auch sein Spiegelbild gemeint sein: „Ich hab‘ dich einfach überschätzt / Ich hab‘ gedacht, du wärst viel besser / Ich hab‘ gedacht, dass du für irgendetwas brennst“. Jahre als besoffener Sidekick von Joko und Klaas und cholerischer Gastgeber bei „Schulz & Böhmermann“ haben die breite Masse vergessen lassen, dass dieser Olli Schulz eigentlich ein passionierter Musiker ist. Denn bewiesen hat er das schon lange nicht mehr.

 

Drei Jahre sind seit seinem letzten Album „Feelings aus der Asche“ vergangen. Das ist typisch für Olli Schulz‘ Veröffentlichungsrhythmus, aber in Zeiten wie diesen auch nicht karriereförderlich. Schulz scheint all das mittlerweile egal zu sein. Und so beginnt „Scheiß Leben, gut erzählt“ auch nicht mit zugänglichen Hits wie 2015 und 2012 mit „So muss es beginnen“ oder „Wenn es gut ist“, sondern mit einer ganzen Reihe an sperrigen Stücken. Die hoffnungslos romantischen Popsongs, in denen er der Jugend hinterhertrauert, kommen erst ab der Albumhälfte.

 

Verloren zwischen Reggae und Rap

 

Wer mehr über Schulz erfahren möchte, als er in seiner Musik preisgibt, hat dazu jede Menge Möglichkeiten. An allererster Stelle sei der Podcast „Fest & flauschig“ genannt, den er zusammen mit seinem Freund Jan Böhmermann betreibt. Hier sprach er auch über „Scheiß Leben, gut erzählt“. Für alle, die den Podcast nicht verfolgen, erschien das Album aus dem Nichts. Schulz verzichtete fast komplett auf Promo: Keine Interviews, keine Anzeigen, keine großformatigen Plakate in den Großstädten dieses Landes.

 

Thees Uhlmann hat er verraten, dass er all das schon geschrieben und komponiert hätte und es deshalb nicht mehr schaffe, jetzt auch noch darüber zu erzählen. Die Kunst soll also für sich sprechen. Ambitioniert und zum Teil auch experimentell wirkt die Scheibe. Gelungen ist nicht alles. Ausflüge in die Rap-Musik an der Seite von Ali As schrammen gerade so am Fremdscham vorbei und enden in Refrains, die unangenehm sind: „Bist ’ne ambivalente, inkonsequente, crazy Person“. Reggae-Rhythmen auf „Wölfe“ lassen ihn klingen wie Sting im „Don’t Make Me Wait“-Video aussieht: Verloren.

 

Kein Mittelding gefunden

 

Es scheint fast so, als könne Schulz das Maß nicht finden. Zwischen dem Bibo und vermeintlich tiefgründigen Experimenten gibt es ein Mittelding, das er auf dieser Platte zu selten trifft. Einem herzerweichenden „Skat spielen mit den Jungs“ steht ein textlich ekelhaftes „Schmeckt wie…“ gegenüber. Dass er der Platte mit letzterem Stück eine Klammer geben und auf die Forderung aus dem Eröffnungsstück nach mehr Schockmomenten antworten möchte, ist so billig, dass es einfach nur langweilt.

 

„Scheiß Leben, gut erzählt“ zeigt einen Künstler, der mehr wollte, als noch einmal das gleiche zu machen. Das ist löblich, weshalb jeder Verriss schmerzt. Doch Olli Schulz’ Stärken liegen nicht in kryptischem Schlagwortgesang („Sportboot“), dem Austreten eines Wortspiels auf Songlänge („Junge Frau sucht…“) und dem Anprangern hedonistischer Lebensstile („Ganz große Freiheit“). Schulz ist dann am besten, wenn er nachvollziehbare Gefühle in einfache Worte verpackt. Deshalb sind Stücke wie „Wachsen (im Speisesaal des Lebens)“, das als Ratgeber an seine Tochter verstanden werden kann, auch am schönsten: „Dein Herz wird manchmal brenn’n / Vor Trauer oder Glück / Du wirst den Sinn darin erkenn’n / Blickst du später drauf zurück“.

 

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