Kurz & knapp #57: Eminem, Travis Scott, Mudhoney, The Dirty Nil, Venom…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringen wir es daher auf den Punkt. Dieses Mal dabei: Eminem, Marteria & Casper, Travis Scott, Drip-Fed, Mudhoney, Homeboy Sandman & Edan, The Dirty Nil, Atmosphere, Denzel Curry, Coheed & Cambria, The Happytime Murders, Paradise PD & Venom.

 

Eminem „Kamikaze“

Nach dem durchwachsenen „Revival“ hat Eminem wieder Blut geleckt. Auf „Kamikaze“ teilt er aus, als wäre er Ende 20 und „The Marshall Mathers LP gerade erst erschienen. Statt erneut gegen Donald Trump in den Krieg zu ziehen, müssen Kollegen und Journalisten herhalten. Das wirkt teilweise so gezwungen, dass die belustigte Reaktion eines Machine Gun Kellys nachvollziehbar ausfällt. Musikalisch kann Eminem dennoch überzeugen, da er sich nicht in Popnummern und Wörterbuchreimen verliert. Locker wie seine alten Sweatpants reimt er sich den Frust von der Seele. Schade, dass ein homophober Ausfall gegenüber Tyler, The Creator eine ansonsten gelungene Platte madig macht. +++ Marteria & Casper schicken ihre Hörer mit dem Kollaboalbum “1982” auf einen „trip down memory lane”. Nicht nur musikalisch decken die sympathischsten Rapper Deutschlands vergangene Hip-Hop-Epochen ab, auch inhaltlich beschäftigen sie sich mit der Zeit vor ihren Durchbrüchen. Ob sie mit den Kumpels im „Omega“ sinnlos durch die Gegend fahren oder sich nach einem alkoholbedingten „Abschuss“ sehnen, nicht das gemeinsame Flexen, sondern Konzeptsongs stehen im Mittelpunkt. Das mag manchen Hörer, der sich mehr Zusammenspiel gewünscht hätte, enttäuschen. Der Halbwertszeit des Albums kommt diese Entscheidung aber zugute. +++ Seine bisher beeindruckendste Arbeit liefert Travis Scott mit „Astroworld“ ab. Die 17 Songs seines dritten Studioalbums ergeben einen aufregenden Ritt durch eine atmosphärische Soundwelt, die trotz ellenlanger Produzentenliste kohärent klingt. Die Musik wirkt durchdacht, strengt trotzdem nicht an. Dabei reicht die Stimmung von verschlafen („Stop Trying to Be God“) bis aggressiv („No Bystanders“). Große Leistung eines Künstlers, der hiermit ganz oben angekommen ist.

 

Mudhoney „Digital Garbage“

Drip-Fed aus Austin, Texas agieren mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum als Hardcore-Punk-Abrisskommando, das auf 25 Minuten den Vorschlaghammer schwingt wie einen Pinsel. Immer wieder scheinen in Stücken wie „Lower Primate“ oder „Intertwine“ Melodien durch. Die täuschen aber nicht darüber hinweg, dass das Quartett eigentlich auf Zerstörung erster Güte aus ist. +++ Die Grunge-Legenden von Mudhoney sind stinksauer. Ein Blick auf die Tracklist ihres zehnten Studioalbums „Digital Garbage“ verrät wie sehr: „Hey Neanderfuck“, „Kill Yourself Live“ oder „Next Mass Extinction“ brüllen den Hass auf die Welt heraus. Social-Media-Wahn, Fremdenfeindlichkeit, Verschwendung – Mark Arm und seine Mitstreiter begegnen dem Irrsinn mit Humor. Der fällt derbe und vielen Hörern dadurch vielleicht zu destruktiv aus. Reinhören lohnt sich dennoch, da die elf Stücke mit einer Eingängigkeit überzeugen, die die Musik der Band schon lange nicht mehr hatte. +++ Auf der EP „Humble Pi“ servieren Homebay Sandman & Edan Hip-Hop für Menschen, denen das da draußen zu schnell geht. Nicht umsonst schimpft sich ein Kernstück der Veröffentlichung „#NeverUserTheInternetAgain“. Die Stone-Throw-Veröffentlichung schwankt zwischen Boombap und experimentell, überzeugt dabei aber auf allen sieben Anspielpunkten. +++ Vor zwei Jahren schüttelten The Dirty Nil mit ihrem Debütalbum „Higher Power“ die Punkszene einmal kräftig durch. Kaum jemand konnte dem ohrenschmeichelnden Rotz’n’Roll der Kanadier widerstehen. „Master Volume“ setzt genau da an, kann aber nicht mehr durch die Wucht der Überraschung punkten. Ein bisschen poppiger, ein bisschen zahmer, aber kein bisschen schlechter. So würden Weezer heute auch gerne klingen.

 

Atmosphere „Mi Vida Local“

Seit der Veröffentlichung des letzten Atmosphere-Albums „Fishing Blues“ sind zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, in denen die Weltpolitik ordentlich ins Wanken geriet. Auf „Mi Vida Local“ berichtet Rapper Slug davon. Immer aus seiner eigenen Perspektive, die mal opti-, aber meistens pessimistisch ausfällt. „I might be the last generation of grandparents“, heißt es dementsprechend in einer Schlüsselzeile. Musikalisch öffnet sich das Duo noch ein Stück weiter. Produzent Ant vermischt Stile, der Hip-Hop-Kern scheint trotzdem immer durch. Ob mit Akustikgitarre oder Sampler – „Mi Vida Local“ gehört zu dem rundesten, was Atmosphere je veröffentlichten. +++ „TA13OO“ von Denzel Curry ist ein Konzeptalbum in drei Akten. 13 Songs verteilen sich auf die Kapitel „Light“, „Gray“ und „Dark“, in denen sich der Rapper mit Themen wie Hass, Verlustangst, Paranoia und der Präsidentschaftswahl beschäftigt. So düster die Titel erscheinen, so hitverdächtig klingen die Refrains von Songs wie „Taboo“, „Black Balloons“ oder „Sirens“. Doch auch Härte strahlen gefährlich brummende Bässe auf Stücken wie „Sumo“ oder „Super Saiyan Superman“ aus. Mit dem füllerlosen „TA13OO“ bewirbt sich der 23-Jährige endgültig für einen Ligaaufstieg. +++ Nach dem Ausflug mit „The Color Before the Sun“ in inhaltlich völlig anderes Terrain kehren Coheed & Cambria mit „Vaxis – Act I: The Unheavenly Creatures“ zu ihrem „Amory Wars“-Konzept zurück. Und es staute sich einiges an im Science-Fiction-Universum. Immerhin streckt sich das neunte Studioalbum auf fast 80 Minuten, was ein neuer Rekord in der C&C-Diskografie ist. Nach wie vor fällt der Progessive Metal eingängig aus, weshalb auch Neueinsteiger – unabhängig von den Texten – ihren Spaß haben werden. Auf der Gesamtspielzeit wecken die pompösen Soundwände und Claudio Sanchez hohe Stimme dennoch Ermüdungserscheinungen. So gut, aber auch so anstrengend wie ein epischer Film in Überlänge.

 

Venom

Brian Hensons nicht jugendfreies Puppentheater The Happytime Murders stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Das Unternehmen hinter der „Sesamstraße“ klagte noch vor Kinostart wegen Markenzeichenverletzungen. Die Klage wies der zuständige Richter zurück, dem Film half das trotzdem nicht. Doch auch wenn die Kritiker ihm vorwerfen, auf Ferkelhumor statt auf inhaltliche Tiefe zu setzen, weiß „The Happytime Murders“ zu unterhalten. Derbe und kurzweilig fallen die 91 Minuten aus, in denen sich Melissa McCarthy von Puppen an die Wand spielen lässt, die nur einen Gesichtsausdruck beherrschen. Trotzdem: Heute gesehen, morgen vergessen. +++ Durch derben Humor fällt auch die Netflix-Zeichentrickserie Paradise PD auf. Clevere Momente werden zu häufig mit Geschmacklosigkeiten verwaschen, die es einem schwermachen, die zehn Folgen am Stück zu genießen. Unsympathische Figuren bieten zudem kaum Identifikationspotenzial. Nur wer „Police Academy“ vermisst und hart im Nehmen ist, sollte sich die zehn Episoden zumuten. +++ Ein Spider-Man-Film ohne Spider-Man – kann das gutgehen? Regisseur Ruben Fleischer, der mit „Zombieland“ bereits einen Kultfilm in der Tasche hat, beweist mit Venom, dass es geht. Außerirdische Symbionten suchen sich menschliche Wirte. Das führt bei den meisten Opfern zum Tod, bei manchen aber auch zu Weltmachtfantasien. Zum Glück verträgt Tom Hardy seinen Venom so gut, dass er sich Carlton Drake beziehungsweise Riot in den Weg stellen kann. Wer mehr als einen großen Spaß erwartet, wird gnadenlos enttäuscht. „Venom“ erzählt die alte Geschichte vom Weltretten, punktet aber durch einen Tom Hardy, der in seiner Rolle aufgeht. Gutgespielte Antihelden sind in und davon profitiert auch dieser Film.

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