Kurz & knapp #31: Big Sean, John Wick 2, For Honor, DC Rebirth…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringe ich es daher auf den Punkt. Diesmal mit dabei: Big Sean, Beachheads, Run The Jewels, Mädness & Döll, Van Holzen, Ahzumjot, Eine Reihe betrüblicher Ereignisse, Santa Clarita Diet, John Wick: Kapitel 2, Fist Fight, Alles unter Kontrolle!, For Honor, Horizon Zero Dawn, DC Rebirth & Captain Marvel.

 

Big Sean „I Decided.“

“Look, I’m a Don, I’m a Don, I’m a Don / I gave my whole family jobs and I take care of my Mom”, rappt Big Sean auf “Moves” und bringt damit die inhaltliche Ambivalenz seines neuen Albums “I Decided.” auf den Punkt. Zwischen dicker Hose und vorzeigbaren Wertvorstellungen hangelt sich Sean durch sein viertes Studioalbum. Dabei bedient er sich auf Kosten eines schlüssigen Soundbildes sowohl an modernen Autotune- und Trap-Elementen als auch der R’n’B-Schule vergangener Tage. Der Künstler Big Sean wirkt immer noch nicht ausgereift, auf „I Decided.“ macht er trotzdem Spaß. Egal, ob er seine Stadt stolz machen möchte oder im Club den „City Move“ bringt. +++ Es ist nicht ungewöhnlich, dass Musiker, die jahrelang einem Genre frönen, für Seitenprojekte völlig andere Töne anstimmen. So auch Vidar Landa und Marvin Nygaard von Kvelertak mit ihrer Band Beachheads und dem gleichnamigen Album. Statt schwerer Gitarren gibt es melodischen Powerpop, zu dem man Urlaub machen kann. Kaum zu glauben, dass diese zwölf Songs aus dem kalten Norwegen stammen. Ein klebrig schöner Refrain folgt auf den nächsten. Leider besteht die Gefahr, beim Hören abzuschweifen, da die Platte vom ersten bis zum letzten Stück kaum Experimente oder musikalische Ausreißer wagt. +++ Wären die politischen Konsequenzen nicht so gigantisch, könnten sich Musikfreunde über die Wahl Donald Trumps fast freuen. Denn Run The Jewels nahmen diese sicherlich ein Stück weit zum Anlass, um ihr drittes Album kostenlos zum Download bereit zu stellen. Auf „Run The Jewels 3“ rumpelt und kracht es. Das passt zu den Inhalten. „Bumaye!“, lautet der Schlachtruf. Wer das nicht versteht, bekommt es ein paar Tracks später mit „Kill Your Masters“ noch einmal deutlicher gesagt. HipHop der eigen, modern und relevant ist.

 

Van Holzen „Anomalie“

Unter dem Motto “Meine Familie ist die realste Crew” haben die Geschwister Mädness & Döll ihr Album „Ich und mein Bruder“ über Four Music veröffentlicht. Und wo die Stieber Twins – das berühmteste Brüderpaar des Deutschraps – begonnen haben, machen die Gebrüder Döll konsequent weiter: Samplebasierte Produktionen werden mit Inhalten bestückt, die sich aus Werten wie Ehrlich-, Unabhängig- und Selbstständigkeit speisen. Eingängige, doch niemals käsige Refrains runden das übersichtliche 12-Tracks-Album ab, das trotz Mädness‘ und Dölls neuer Wahlheimat Berlin Raps mit hessischem Lokalkolorit bietet. +++ In der Musikpresse werden Van Holzen als die Zukunft der deutschsprachigen Musik gehandelt. Ihr Debütalbum „Anomalie“ kann da glücklicherweise mithalten und untermauert die Vorschusslorbeeren, mit denen die drei Ulmer Teenager derzeit überhäuft werden. Sperrige Gitarrenmusik, die in den richtigen Momenten poppige Elemente einzusetzen weiß, trifft auf Inhalte, die weder verkopft noch platt sind. „Schüsse aus meinem Mund / Und wenn niemand all das versteht / hab ich wenigstens getan, worum es geht“, singt Florian Kiesling auf „Schüsse“. Es sind diese Zeilen, die herausfordern, jedoch keine akademische Arroganz ausstrahlen. Van Holzen ist ein durchdachtes Projekt, das ein Gesamtkonzept von der Musik über die Artworks bis zu den Videos bietet. Trotzdem wirkt all das so natürlich und gesund gewachsen, dass es eine Freude sein wird, die Weiterentwicklung dieser Band in den nächsten Jahren zu verfolgen. +++ Zu guter Letzt ein kostenloser Download-Tipp: Ahzumjot legt im Rahmen seines andauernden Veröffentlichungsmarathons mit dem großartigen Album „Luft & Liebe“ nach.

 

Eine Reihe betrüblicher Ereignisse

Mit Eine Reihe betrüblicher Ereignisse hat Netflix Lemony Snickets gleichnamige Kinderbuchreihe in ein Serienformat mit acht Episoden gepresst. Die drei Waisenkinder Violet, Klaus und Sunny Baudelaire werden in die Obhut von Graf Olaf gegeben. Dieser hat es jedoch nur auf das Vermögen der wohlhabenden Familie abgesehen. Olaf ist das Highlight der Serie, denn Neil Patrick Harris darf sich in dieser wandelbaren Rolle von seinem „Barney Stinson“-Stigma freispielen. Die von Malina Weissman und Louis Hynes gemimten älteren Geschwister können da nicht mithalten. Gefühlt einen verkniffenen Gesichtsausdruck sind sie im Laufe der ersten Staffel im Stande zu zeigen. Visuell überzeugt „Eine Reihe…“ mit märchenhaften Kulissen, die es schaffen, der auf Wiederholungen bauenden Geschichte etwas Würze zu verleihen. Staffel 2 wurde bereits in Auftrag gegeben. Hoffentlich setzt die Serie dann auf mehr Substanz als nur wunderschönen Schein. +++ Nachdem Sorgenkind Winona Ryder mit „Stranger Things“ noch einmal in den Sattel geholfen wurde, darf sich nun Drew Barrymore über eine von Netflix gesponserte Karrierespritze freuen. Santa Clarita Diet heißt die Comedy-Serie, in der Barrymore eine Mutter spielt, die zum Zombie wird. Neben den teils derben Dialogen punkten die zehn Episoden durch eine stimmungsbrechende Optik. B-Movie-Splatter-Horror trifft auf „Desperate Housewives“. Die Suche nach Nahrung und das anschließende Vertuschen der Morde erinnert zuweilen an eine klamaukige Version von „Dexter“. „Santa Clarita Diet“ ist eine Zwischendurchserie mit sympathischem Cast, die wenig falsch macht, aber langfristig nicht im Kopf bleiben wird.

 

John Wick: Kapitel 2

Der erste Teil war ein echter Überraschungshit. Nun erklärt der von Keanu Reeves gespielte Auftragskiller ein weiteres Mal den Rücktritt vom Rücktritt. John Wick: Kapitel 2 ist die konsequente Fortsetzung eines Filmes, der sich nicht um Plotdetails und Charaktertiefe schert. Stattdessen inszeniert der vom Co- zum Chefregisseur aufgestiegene Chad Stahelski Gewaltchoreografien, die meistens sinnlos, gar unlogisch sind, aber ästhetischer nicht sein könnten. Wer den ersten Teil mochte, wird auch mit der zweiten Runde glücklich werden. +++ Mit Fist Fight hat Ice Cube seinem Oeuvre einen weiteren Klamaukstreifen hinzugefügt, den niemand gebraucht hätte. Die beiden Lehrer Campbell und Strickland geraten aneinander und lösen ihre Unstimmigkeiten in einem titelgebenden Faustkampf. Trotz eines Comedy-Allstar-Ensembles bestehend aus Charlie Day, Tracy Morgen und Jillian Bell bieten die 91 Minuten maximal drei richtige Lacher. Das mag an der deutschen Synchronisation liegen. Dennoch wirkt jede Szene, jede Idee, als hätte es sie so schon einmal gegeben. +++ Das Thema „Flüchtlingskrise“ wurde medial durch neue Schreckgespenster ersetzt, über die sich die kleinen Frauen und Männer aufregen dürfen. Ergo können endlich Witze über asylsuchende Menschen gemacht werden, die in Europa Heimat und Chancen suchen. Philippe de Chauveron, der 2014 mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ auch außerhalb Frankreichs Erfolge feierte, schlägt mit Alles unter Kontrolle! voll in diese Kerbe. Grenzpolizist José muss als letzten Auftrag vor seiner Beförderung den straffälligen Karzaoui zurück nach Kabul bringen. Dass dies nicht reibungslos funktioniert, Kulturen aufeinandertreffen und Sympathien ins Spiel kommen, wo sie vielleicht nicht hilfreich sind, ist klar. Leider hält sich der Film mit Klischees und Albernheiten auf, statt Humor zu nutzen, um ein brisantes Thema verträglich aufzubereiten. Hinzu kommen fast schon Folter verherrlichende Szenen, die haarscharf an der Grenze des guten Geschmacks vorbeischrammen.

 

Horizon Zero Dawn

Es klingt wie ein Kindheitstraum: Ritter gegen Wikinger gegen Samurai. Ubisoft macht ihn wahr, indem sie Spieler mit For Honor auf ein blutiges Online-Schlachtfeld schicken. Doch trotz des Hack-and-slay-Labels steht nicht das stumpfe Zerschnätzeln von Gegnerscharen wie beispielsweise in „Dynasty Warriors“ im Mittelpunkt, sondern Zweikampfduelle, die geschickt geführt werden müssen. Plumpes Gekloppe führt selten zum Sieg und nimmt schnell den Spaß an der Sache. Stattdessen müssen Gegner gelesen und die eigene Anpassungsfähigkeit immer wieder unter Beweis gestellt werden. Die nette, aber nicht außergewöhnliche Kampagne kann vernachlässigt werden, denn der Reiz an „For Honor“ ist der Mehrspielermodus. Modi wie Dominion, Brawl, Duel, Skirmish und Elimination gibt es so oder so ähnlich auch in Online-Shootern, wurden jedoch auf das Nahkampfelement des Spiels übertragen. Ein noch etwas unausgegorenes Fraktionssystem gibt dem Ganzen einen Rahmen, denn Siege wirken sich auf Frontverschiebung zugunsten der gewählten Klasse aus. +++ In Zeiten, in denen der Fortsetzungswahn die Veröffentlichungslisten beherrscht, ist es besonders aufregend, wenn komplett neue Titel auf den Markt kommen. Horizon Zero Dawn von den „Killzone“-Machern ist ein weiteres mutiges Beispiel hierfür. Das Third-Person-Action-Adventure mit rudimentären Rollenspielelementen handelt von der Einzelkämpferin Aloy, die sich in einer dystopischen Welt zurechtfinden muss, in der Maschinen den vordersten Platz in der Nahrungskette eingenommen haben. Der Unterschied zum Terminator ist, dass sich die Menschen in „Horizon Zero Dawn“ mit dieser Entwicklung arrangiert und sich im Laufe von tausend Jahren technisch und gesellschaftlich komplett zurückentwickelt haben. Dieses aufregende Szenario wird von einem butterweichen Gameplay unterstrichen, bei dem das Kämpfen mit Pfeil und Bogen und das Navigieren durch die grafisch atemberaubende Welt eine wahre Freude ist. „Horizon Zero Dawn“ bietet inhaltlich und spielerisch so viel Qualität, dass sich aus diesem Titel wohl ebenfalls eine Reihe mit Fortsetzungswahn entwickeln wird.

 

Captain Marvel „Wächterin der Zeit“

Im Mai 2016 läutete DC Comics mit DC Rebirth eine neue Ära ein. Nun startet der Relaunch aller Heftserien auch in Deutschland mit einer 80-seitigen Sonderveröffentlichung, die die komplexe Hintergrundgeschichte zum Event ins Rollen bringt. Dabei wird kein harter Schnitt vollzogen, sondern Elemente aus den vorangegangenen Verlagsmeilensteinen „Flashpoint“ und „The New 52“ ebenso berücksichtigt. „Das wohl wichtigste DC-Heft des Jahres“, beschreibt Christian Endres diese Publikation im Vorwort. Es kommt nicht nur zum Schaulaufen so ziemlich aller DC-Helden, sondern auch zu jeder Menge Anspielungen auf das kommende Zusammentreffen des DC Universums mit den Watchmen. Um dabei die Übersicht zu bewahren, ist am Ende des Heftes eine vierseitige Rebirth-Bibel abgedruckt, in der Querverweise erläutert werden. +++ Carol Danvers aka Captain Marvel hat mit „Wächterin der Erde“ eine eigene Sonderbandreihe erhalten, die sich nicht mit langatmigen Vorgeschichten aufhält. Statt einer klassischen Origins-Story enthält der rund 100-seitige Sonderband eine abgeschlossene Science-Fiction-Erzählung, die dennoch als perfekter Einstieg für Neuleser geeignet ist. Denn während Captain Marvel und ihre Crew ein mysteriöses Geisterschiff untersuchen, wird beiläufig auf die Herkunft des ehemaligen Avengers-Mitglieds eingegangen. Diese Veröffentlichung lohnt sich zudem für Leser des „Civil War II“-Events, in dem Captain Marvel ebenfalls eine tragende Rolle einnimmt.

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  1. Halbzeit 2017 – Die bisher besten Alben – like it is '93 // das Popkultur-Magazin

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