Review: Lucy Kruger & The Lost Boys – „S/T“

Musik für die halbe Stunde an heißen Sommertagen, in denen Gewitterwolken und Platzregen die sengende Hitze zum Kollaps bringen: Lucy Kruger & The Lost Boys.

 

 

In Melancholie versunken, benebelt von der Schönheit des Moments, die das Leben bis zum Minimum entschleunigt: Lucy Kruger und ihre Band The Lost Boys – bestehend aus Andre Leo (Gitarre & Gesang), Lucas Swart (ebenfalls Gitarre & Gesang), Calvin Siderfin (Bass) und Werner von Waltsleben (Schlagzeug) – vertonen dieses Gefühl mit einer Mischung aus Dream Pop, Psychedelic und Folk Rock. Im Juni dieses Jahres erschien ihre selbstbetitelte EP über Bandcamp, die nach dem „Name your price!“-Prinzip heruntergeladen werden kann.

 

Innerhalb von drei Tagen wurde der Extended Player in Onrus, das rund 100 Kilometer südöstlich von Kapstadt liegt, aufgenommen. Fünf Stücke verteilt auf 21 Minuten, in denen der Pop stets durch die trunkenen Gitarrenschichten und prasselnden Drums schimmert. Doch auch wenn sich ab und an zugängliche Melodien ihren Weg an die Oberfläche graben, verteilen sich die Ohrwurmmomente angenehm rar und kostbar auf die Tracks. Eingängige Kehrverse werden so schnell abgebrochen wie sie begonnen wurden und schmücken aufregend unaufgeregten Lieder wie „Wish The Wild Away“, denen man ihren Wunsch nach Eskapismus und Einsiedlertum aus jeder gehauchten Silbe heraushört. Die Videoauskopplung „Beast (Stay Hungry)“ ist wohl das beste Beispiel für den Sound der Südafrikaner. Wo eine Julia Stone mit verletzlicher Klein-Mädchen-Stimme über eine karge Gitarrenspur weht, reckt Lucy Kruger die Faust in die Luft, ohne dabei – und das ist absolut positiv gemeint –viel mehr Elan als ihre Kollegin aus Australien an den Tag zu legen.

 

„Lucy Kruger & The Lost Boys“ ist jedoch kein Singer-/Songwriter-Projekt, bei dem eine süße Blondine mit der Gitarre auf dem Schoß vor einem Philosophie-Studiengang im zweiten Semester sitzt. Spätestens wenn Lucy in „Bird Of Prey“ von Bandkumpane Andre Leo am Mikrofon Unterstützung bekommt, wird klar, dass diese Truppe keine One-Woman-Show ist. In „Amy, I’m Lost“ wechselt sich eine träumerische mit einer angriffslustigen Gitarrenspur ab. Lucy Kruger säuselt ihren Weltschmerz darüber, ohne der Instrumentalisierung das Scheinwerferlicht zu stehlen. Der Sound ist dabei unaufhörlich eingängig, dennoch sperrig genug, nicht beliebig zu wirken. Das Abschlussstück „Cable Loose Balloon“ weiß nicht, ob es sich zurücklehnen oder ausbrechen möchte und wirkt gerade deshalb so einnehmend auf den Hörer. Eben doch Musik, die ganz genau weiß, wohin sie möchte: Auf deinen mp3-Player, während du alleine durch die Natur schlenderst.

 

Wen es nicht schmerzt, drei, vier Euro per PayPal locker zu machen, bekommt mit „Lucy Kruger & The Lost Boys“ den Soundtrack für das nächste Sommergewitter. Denn auch da, wo es warm ist, ist nicht immer alles eitel Sonnenschein und erst recht keine sangriageschwängerte Ibiza-Stimmung.

 

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