Kollegah, Farid Bang & der Echo-Eklat – sind wir das Problem?

fragwürdige Zeilen gibt es auf „JBG3“ zuhauf

Nach der Aufregung um die diesjährige Echo-Verleihung, bleibt eine wichtige Frage: Sind wir – die Hörer – das eigentliche Problem?

 

Für ihr Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ erhielten Kollegah & Farid Bang eine Echo-Auszeichnung in der Kategorie „Hip-Hop/Urban national“. Die Reaktionen darauf fielen so intensiv wie negativ aus. Campino äußerte noch während seiner Gewinnerrede Unverständnis, Klaus Voormann und das Notos Quartett gaben aus Protest ihre Preise zurück und sogar Außenminister Heiko Maas kritisierte die Verleihung.

 

Grund für die Empörung ist eine Zeile aus dem Song „0815“, in dem Farid Bang rappt: „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Unter dem Deckmantel des Battle-Raps, in dem es darum geht, auf eine möglichst unterhaltsame und/oder wortspielreiche Art sich selbst zu erhöhen und einen imaginären Gegner zu erniedrigen, haben Farid Bang und Kollegah auf kompletter Albumlänge Provokation an Provokation gereiht.

 

Die Auschwitz-Zeile mag vor dem geschichtlichen Hintergrund Deutschlands auf besonders empfindliche Ohren treffen, doch auf „Jung, brutal, gutaussehend 3“ geht es noch ekelhafter zu: „Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch / Sie sagt, ‚Lass mich in Ruhe!‘, doch er versteht sie nicht“, „Denn du wachst auf in ’ner Garage in Derendorf / Und als erstes nimmt dich ein Schwarzer aus Kenia durch“, „Ich mach den Drecksjob und pfleg mein‘ Benz mit Lackpolitur / Und Joy Denalanes Afrofrisur“.

 

Dass die Empörung über solche Inhalte erst ein knappes halbes Jahr nach Release aufkommt, ist das eigentliche Problem. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Juri Sternburg, der in einem Artikel für Noisey auf den Punkt brachte, was es ist – nämlich „plumper Rassismus“ – gab es kaum aufgebrachte Stimmen in der Medienlandschaft. Stattdessen verkauften die Rapper bereits vor Albumveröffentlichung allein von der teuren Box 100.000 Einheiten.

 

Doch was ging all diesen Käufern durch den Kopf, als sie Zeilen wie die oben zitierten das erste Mal hören mussten? Schalteten sie ab, weil sie Rap zwar hart aber definitiv nicht rassistisch mögen? Gaben sie ihre Boxen sogar zurück? Schrieben sie Kollegah und Farid Bang Nachrichten, in denen sie die Texte kritisierten? War es ihnen schlichtweg egal, weil die Rapper das ja nicht ernst, sondern nur spaßig meinen. Oder fühlten sich manche Hörer durch derartige Inhalte sogar in ihren verschrobenen Ansichten bestätigt?

 

Es heißt immer wieder, Rap sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. Da ist etwas Wahres dran. Denn die Gesellschaft hat ein Problem mit Sexismus, Homophobie, Rassismus und 73 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz auch (wieder) mit Antisemitismus. Gäbe es diese Probleme nicht, würde ein Album wie „Jung, brutal, gutaussehend 3“ nicht von so vielen Menschen gekauft werden. Menschen, die vermutlich nicht zum rechten Rand der Gesellschaft gehören, sondern sich mittendrin befinden. Menschen, denen derartige Zeilen aber scheinbar egal sind, weil… ja, warum eigentlich?

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  1. Heinz Rudolf Kunze: Kein Echo fürs Lebenswerk und Rap ist dran schuld?! – like it is '93 // das Popkultur-Magazin

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