Review: Marit Larsen – Spark

Als Marit Larsen im Sommer 2009 ihren ersten Tonträger in Deutschland veröffentlichte, kam kaum jemand um die schüchtern wirkende Norwegerin mit dem süßen Pony herum. „If A Song Could Get Me You“ klebte zwar wie Zuckerwatte, verfiel aber auch nach dem zwanzigsten Werbespot auf Pro Sieben nicht in die dudelnde Belanglosigkeit gängiger 0815-Pop-Sängerin. Marit Larsen punktete mit dem kleine-Mädchen-Image, wirkte dabei aber dank erfrischend düsteren Love-Songs, die vermeintlich einladend verpackt wurden, nie konstruiert. Die zahme – etwas zurückhaltende – Version von Kate Nash eben. Die, die man den Eltern ohne weiteres als neue Freundin vorstellen würde.

 

Das Album und die gleichnamige Hit-Single kamen entsprechend gut in Deutschland an. Die Langspielplatte fuhr mit über 300.000 verkauften Einheiten Platin ein. Und auch wenn irgendein beliebiges Hitradio der Republik zum zehnten Mal am Tage „I could try you with a waltz…“ ausspuckte, so richtig scheiße konnte man die 29jährige nicht finden. Oder wie es das Online Magazin Aviva schrieb: „Diese Frau ist in ihrer reizenden, mädchenhaften Art sehr authentisch und, warum sollte es auch anders sein, gleichzeitig eine selbstbestimmte Musikerin.“

 

Zweieinhalb Jahre später steht nun ihr zweites Album (zumindest ist es das für den deutschen Markt) in den Regalen der Plattenläden. Und ein ähnliches Schicksal wie Kate Nash, die mit „My Best Friend Is You“ den Erfolgen des Vorgängers „Made Of Bricks“ grandios hinterher stolperte, hat auch Marit Larsen zu fürchten. Denn so richtig mag die Aufmerksamkeitswelle nicht an Fahrt aufnehmen. Zwar überschwemmen die Verantwortlichen – genauso wie damals mit „If A Song Could Get Me You“ – Pro Sieben mit besagten ein-minütigen Mini-Interview-Spots, doch erstens ist die Lust nach unschuldigen Mädels ein Stück weit vergangen und zweitens keine wirkliche Hit-Single in der Albumproduktion rumgekommen.

 

„Spark“ klingt wie ein bemühtes „If A Song Could Get Me You“. Statt einer ersten Knaller-Single, gibt es mit „Coming Home“ ein mediokeres Stück, das gut, aber definitiv kein Aufhänger ist. Statt einem „Solid Ground” mit Ohrwurm-Refrain gibt es ein „Thin Line“ mit Nerv-Kehrvers. Statt einem „Under The Surface“, das im richtigen Moment die Kurve bekommt und weiß wie es geil zu klingen hat, gibt es ein „Don’t Move“, das den „Ohrgasmus“ auf die letzten Takte noch zu verhindern weiß.

 

„Spark“ strahlt zwar Pop bis es kracht aus, doch in den Lauschern hängenbleiben will auch nach dem zehnten Hördurchgang wenig. Und das ist bei einem Album, das sich nicht dafür schämen muss, dass es im Media Markt in der „Pop/Rock“-Schublade eingeordnet wird, nicht unbedingt das beste Zeichen. Eventuell will Marit einfach zu viel?! Immerhin ist die Frau musikalisch hochbegabt. Auf dem Album stammen alle Songs – bis auf drei Ausnahmen, für die sie etwas Hilfe in Anspruch nahm – aus ihrer eigenen Feder. Auf der instrumentalen Seite spielt sie ebenfalls den Streber. Egal ob Klaviar, Gitarre, Mandoline, indisches Tampura, Xylofon oder ein russisches Domra, Marit Larsen kann tun, was sie möchte, weil sie zu so ziemlich allem fähig ist. Pop mit musikalischen Visionen.

 

Doch all dieses Können in eingängige Drei-Minuten-Lutscher zu pressen, ist am Ende des Tages nicht unbedingt immer die perfekteste Plattform für eine Musikerin ihres Kalibers! Madonna holt sich für jedes neue Album den derzeit hipsten Produzenten und lässt sich eine Platte zurechtschustern, die den jeweiligen Zeitgeist trifft. Marit Larsen ist hingegen eine Künstlerin ganz anderer Qualität. Ein „Me And The Highway“ schreit der Einsamkeit entgegen, dass sie sich gut und gerne verpissen kann. „I Can’t Love You Anymore“ ist Mädchenmusik für erwachsene Frauen, die bis zum letzten Ton unaufgeregt bleibt. Und „Keeper Of The Keys“ und „That Day“ sind die beiden Rahmensongs, die alle Käufer, die mit pompösen Orchesterstücken gerechnet haben, ordentlich verschrecken dürfte.

 

„You put all your trust in me/and I’m yours, indefinitely/what if I froze in my tracks/decided to turn without warning“, heißt es in „What If“ und spiegelt ziemlich genau wieder, was Marit Larsen, die mit Zweitnamen Elisabeth getauft wurde, inhaltlich bewegt: Liebe, die ihre Ecken und Kanten hat. Dass sich das Ganze eher an „At My Most Beautiful“ als an „Baby One More Time“ orientiert, ist ihrem hohen Anspruch geschuldet. Trotzdem muss sie aufpassen, dass sie sich nicht selbst zitiert. Auf diesem Album kriegt sie nur sehr knapp die Kurve.

 

„Spark“ ist kein mittelmäßiges Werk. Überhaupt nicht. Vielleicht genau das Album, das Marit Larsen zu diesem Zeitpunkt rausbringen musste, um nicht langsam, aber sicher in die Belanglosigkeit abzurutschen. Denn die junge Norwegerin ist eine Herzblutmusikerin, was aber leider hierzulande – dank einer großen Hit-Single – noch nicht jeder wahrgenommen hat. „Spark“ könnte möglicherweise dieser Schritt in Richtung „Ernsthaftigkeit“ sein, der zeigt, dass Marit schon immer eher Joni Mitchell als Atomic Kitten war. Eher Straßenmusikerin als „The Dome“-Gast. Und definitiv ehrlicher als man es von einem kalten Großkonzern wie der EMI gemeinhin erwartet hätte.

 

Bis ins Frühjahr, wenn Marit Larsen auch wieder bei uns auf Tour ist, wird „Spark“ noch durchhalten müssen, um die Fans bei der Stange zu halten. Eine Halbwertszeit von fünf Monaten kann dieses Album  durchaus packen. Doch ob die Songs wie bei einem „If A Song Could Get Me You“ langfristig im Ohr hängenbleiben werden, ist fraglich.

 

Was vor „If A Song Could Get Me You“ geschah

Marit Larsen veröffentlichte zwar erst im Juli 2009 ihr Debütalbum in Deutschland, doch auch davor war sie – zumindest in ihrer Heimat Norwegen – kein unbeschriebenes Blatt. Zusammen mit Marion Raven, die derzeit mit Nikki Sixx von der Mötley Crüe zusammenarbeitet, bildete sie das Pop-Duo M2M und brachte in dieser Konstellation zwei erfolgreiche Langspielplatten heraus. 2002 gingen die Beiden jedoch getrennte Wege und Marit entschied sich, ihre Solo-Karriere in Angriff zu nehmen. 2006 erschienen beim norwegischen Ableger der EMI ihr Solo-Debüt „Under The Surface“ und zwei Jahre später der Nachfolger „The Chase“. Das 2009 veröffentlichte Album „If A Song Could Get Me You“ war eine Art Best-Of-Platte der beiden vorangegangen Scheiben und erschien ausschließlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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