Kurz & knapp #63: Earl Sweatshirt, Meek Mill, Robin Hood, Bitter Root…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringen wir es daher auf den Punkt. Dieses Mal dabei: Earl Sweatshirt, Farai, Meek Mill, Azusa, mewithoutYou, Querbeat, Go By Ocean, Peppermint, Outlaw King, Robin Hood, Ashborn, Bitter Root & Tango.

 

Earl Sweatshirt „Some Rap Songs“

„Some Rap Songs“ von Earl Sweatshirt ist ein skizzenhaftes Vergnügen, das klingt, als wäre es ein einziges 24-minütiges Lied. Nur drei der 15 Stücke erreichen die Zweiminutenmarke. Mehr Zeit benötigen sie aber auch nicht, um Eindruck zu schinden. Die Beats funktionieren als verstörende Sample-Collagen. Dazu gewährt der 24-Jährige tiefe Einblicke in sein Innenleben: „Yeah, I think I spent most of my life depressed / Only thing on my mind was death”. Earl Sweatshirt pfeift auf Konventionen und glänzt mit einem Werk, das noch ganz nah dran ist am Odd-Future-Sound. +++ Die in Simbabwe geborene und in London aufgewachsene Farai liefert mit ihrem Debütalbum „Rebirth“ den Soundtrack zur Prä-Brexit-Stimmung. „Opinions are not facts“, stellt sie dementsprechend treffend im Opener „Lizzy“ fest. Ob Spoken-Word-Vorträge auf gefährlich brodelnden Synthie-Beats („This Is England“) oder Gesang begleitet von einer einsamen E-Gitarre („Talula“) – Farai prangert den Zustand ihrer Heimat an, bleibt dabei aber besonnen und realistisch. „Rebirth“ geht unter die Haut, weil die Inhalte authentisch sind. +++ Meek Mill hatte es in den letzten Jahren nicht leicht. Nach seiner Haftentlassung im April dieses Jahres wirkte er besonnener. Davon profitiert auch sein viertes Soloalbum „Championships“. Mit dem Intro und dem anschließenden „Trauma“ beginnt die Platte entsprechend reflektiert. Zwar lässt er auf den 19 Anspielpunkten auch die Sau raus, die stärksten Momente bleiben aber gesellschaftskritische Songs wie „What‘s Free“. Interessante Sample-Entscheidungen (Phil Collins, Biggies „What‘s Beef?“) runden Meek Mills bisher beste Veröffentlichung ab.

 

Azusa „Heavy Yoke“

Fans des Dillinger-Escape-Plan-Sounds bekommen mit Azusa die Supergroup ihrer feuchtesten Träume. Liam Wilson (The Dillinger Escape Plan), Christer Espevoll (Extol), David Husvik (Extol) und Eleni Zafiriadou (Sea+Air & Jumbo Jet) nahmen mit “Heavy Yoke” ein Album auf, das sich nicht zwischen hart und weich entscheidet. Stattdessen wechselt Zafiriadous Stimme ständig von Klargesang auf Growls. Schwere Riffs reihen sich in eine zügellose Auf-und-ab-Dynamik ein, die fast schon jazzige Züge annimmt. Hoffentlich bleibt Azusa kein einmaliges Projekt. +++ Auf ihrem siebten Album „[Untitled]“ spielen mewithoutYou Post-Hardcore, der die Grenzen des Genres ausreizt. Sphärisch, aggressiv, konfus – was die Musik vorgibt, leisten auch Aaron Weiss‘ Texte. Er springt von popkulturellen Referenzen zu historischen Erzählungen. Der Hörer bleibt verwirrt zurück, verliert im Laufe der Dreiviertelstunde aber niemals das Interesse. Begleitend zur Langspielplatte erschien auch eine EP ohne Namen. +++ Trompete, Tuba, Posaune, Horn und Saxophon – Querbeat unterstreichen ihren Rap auch auf dem dritten Studioalbum „Randale & Hurra“ mit ordentlich Bläsereinsatz. Das geht in Ohr und Bein, fällt auf inhaltlicher Ebene trotzdem nicht plump aus. „Heimatkaff“ thematisiert die Liebe zu ebenjenem, „Ciao Loser“ rechnet mit der Antriebslosigkeit ab und „Freaks“ fordert mehr Querdenker fürs Land. Neu ist all das zwar nicht, dank der qualitativ hochwertigen Umsetzung schafft sich Querbeat aber eine unbedingte Daseinsberechtigung. +++ Zum Abschluss des Musikabschnitts noch ein kurzer Tipp: Go By Ocean aus San Francisco spielen auf ihrer EP „Faded Photographs“ verträumten Indie-Rock, der ganz viel Abendsonne getankt hat.

 

Robin Hood

Rachegeschichten sind älter als das Kino. Und so fällt auch Pierre Morels Action-Thriller Peppermint: Angel of Vengeance wenig spannend aus. Von der Justiz im Stich gelassen, knallt Jennifer Garner die für den Tod ihrer Familie verantwortliche Drogengang einfach selbst über den Haufen. Ein plumper Erzählstil mit Logiklöchern wird durch Vorschlaghammer-Action ergänzt, die stets blutig, aber selten ästhetisch aussieht. „Peppermint“ ist so ungewollt albern, dass es schon wieder Spaß macht. +++ Outlaw King nimmt sich 23 Jahre nach „Braveheart“ dem Thema schottische Rebellion im 13. Jahrhundert erneut an. Von der Ausstattung bis zu den Schlachtszenen bietet der Netflix-Film Mel Gibsons Epos sogar die Stirn. Bei den Figuren – allen voran Chris Pines zurückhaltende Darstellung von Robert the Bruce – verschenkt er jedoch Potenzial. Als fortführendes Programm zur gelungenen Netflix-Produktion „The Last Kingdom“ macht sich „Outlaw King“ trotzdem gut. +++ Neben Spider-Man gehört Robin Hood zu den meistbemühten Figuren der Filmgeschichte. Hier ein Reboot, da eine Fortsetzung – wer an Kevin Costner und Russell Crowe denkt, kratzt nur an der Oberfläche. Umso erfrischender klingt Otto Bathursts Ansatz. Er verpasst seinem Abenteuerfilm, der eigentlich in Zeiten der Kreuzzüge spielt, einen modernen Anstrich. Demonstranten tragen Kapuzenpullis, in einem arabischen Häuserkampf verwendet die Spezialeinheit Pfeil und Bogen statt Maschinengewehre und die Abendkleider würden auch auf Partys der Jetztzeit passen. Leider fallen die Dialoge so unnatürlich und die Figuren so blass aus, dass der Coolnessfaktor schnell vergeht. In der letzten Szene werden die Weichen für einen zweiten Teil gestellt. Ob der tatsächlich kommt, bleibt fraglich. Das angepeilte Filmfranchise wird mit „Robin Hood“ bereits im Keim erstickt.

 

Tango: Meer der Steine

Die Graphic Novel Ashborn erzählt eine klassische Rachegeschichte à la „Aschenputtel“. Zeichnerin und Autorin Cait Zellers verleiht ihrer Erzählung allerdings deutlich mehr Gewalt. Das 23-seitige Heft überzeugt aber nicht durch die expliziten Darstellungen, sondern durch den Sepia-Zeichenstil, der nur einzelne Elemente wie Blut, Augen oder Edelsteine in auffälligere Farben hüllt. „Ashborn“ schmeichelt den Augen. +++ Deutlich bunter fällt die Serie Bitter Root aus dem Hause Image Comics aus. Im Harlem der zwanziger Jahre kämpft die afroamerikanische Sangerye-Familie gegen übernatürliche Monster, die als Metapher für Rassismus stehen. David F. Walker und Sanford Greene, die bereits gemeinsam für „Power Man“ und „Iron Fist“ schrieben, schmeißen ihre Figuren sofort in die Action. Dadurch muss sich der Leser erst einmal zurechtfinden. Dranbleiben lohnt sich aber, da die Prämisse in dieser Form nicht nur außergewöhnlich, sondern leider auch hochaktuell ist. +++ In Tango: Meer der Seine flüchtet der titelgebende Ex-Kriminelle John Tango ins Exil. Nach Jahren der Ruhe holt ihn seine Vergangenheit aber wieder ein. Autor Matz („Querschläger“ & „Tomboy“) schrieb einen Thriller, der von Charakterentwicklungen bis zu spannenden Showdowns alles zulässt. Philippe Xavier zeichnete den Schauplatz Bolivien authentisch nach. Um das zu unterstreichen, hängen dem Buch Bilder und Berichte der Recherchereisen an. Eine Fortsetzung erscheint im September 2019.

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