Review: Birdman

„Birdman“ bescherte nicht nur Michael Keaton ein fulminantes Karriere-Comeback, sondern sahnte auch kräftig bei den Oscars ab. Eine späte Review zu einem großartigen Film.

 

Es ist schwierig wertend über einen Film zu schreiben, von dem man weiß, dass er nicht nur ein Kritikerliebling ist, sondern dessen Qualitäten auch höchstoffiziell durch renommierte Auszeichnungen bescheinigt wurden. „Birdman“ ist sowohl der erste große Erfolg des mexikanischen Filmemachers Alejandro González Iñárritu als auch Michael Keatons Eintrittskarte zurück in Hollywoods Rampenlicht. Bei den Oscars 2015 tütete „Birdman“ den Award für den besten Film ein und gefühlt alle verstehen warum. Die Dramedy rund um den abgehalfterten Schauspieler Riggan Thomson und dessen Versuch, durch ein selbstproduziertes Theaterstück etwas Bedeutendes zu erschaffen und dadurch einen Karriereaufwind zu erlangen, punktet nicht nur durch eine anspruchsvolle Geschichte, sie schafft es auch auf handwerklicher Ebene ein Meisterstück zu sein.

 

Keaton war Batman ist Birdman

 

1992 schlüpfte Michael Keaton zum zweiten Mal in das Batman-Kostüm, um im Tim-Burton-Film den dunklen Ritter zu verkörpern. Ist man ansatzweise mit Michael Keatons Biografie vertraut, macht die Geschichte rund um Riggins und dessen Karrieretief nach drei Superheldenfilmen noch mehr Spaß. Keaton scheint sich den Frust, den er in seinen letzten 20 Berufsjahren in sich aufgestaut hat, von der Seele zu spielen. Auf mehreren Meta-Ebenen erzählt „Birdman“ die beliebte Geschichte des gefallenen Helden inklusive Problemen in Vater-Tochter-, Liebes- und Geschäftsbeziehungen. Dabei erlaubt sich der Film nicht nur einen humoristischen Blick auf die Welt rund um Hollywood, sondern übt auch Kritik an der Kritik, die im schlimmsten Fall zu einem zerstörerischen Erfolgsdruck unter Schauspielern führen kann. Auch die Frage nach der künstlerischen Hingabe, die ein Starschauspieler mit einer halben Milliarde auf dem Konto noch hat, wird gestellt. Dieser Film wirkt als hätte ihn Hollywood für sich selber gedreht.

 

„Lots of films claim to be different. ‚Birdman‘ is“, schrieb Calvin Wilson von der St. Louis Post-Dispatch und hat damit durchaus recht. Und „anders“ bedeutet in diesem Fall nicht sperriges Kunstkino, sondern Blockbuster-Niveau, das sich auf der einen Seite mit Popcorntüte in der Hand genießen lässt und auf der anderen Seite gehörig herausfordert. Allein an der einmaligen Kameraführung, die wie ein einziger One-Shot wirkt, kann man sich während der zwei Stunden kräftig ergötzen. Und obendrauf gibt es neben Michael Keaton auch noch einen Cast, der dem eigenen Handwerk ein Denkmal setzt. Edward Norton als neurotisches Schauspielgenie, Emma Stone als verbrauchte Tochter und Naomi Watts als gescheiterte Darstellerin, verkörpern ihre Rollen mit dem nötigen Mut zur Hässlichkeit und dem auch bitter nötigen Talent.

 

Stilistisch eine Wucht

 

Stilistisch ist „Birdman“ eine Wucht: Treibender Jazz wechselt sich je nach Situation mit orchestraler Musik ab, aus dem Nichts treffen bombastische Special Effects auf Nahaufnahmen von Gesichtern, die die perfekte Mimik der Darsteller in Szene setzen, und Theaterkulissen werden im fließenden Übergang durch den realen Time Square mit all seinen echten Fußgängern abgelöst. „Birdman“ probiert nicht nur extrem viel, er ist dabei auch noch verdammt gut. Es bleibt kaum Zeit zum Atmen, das nächste Highlight könnte schon auf einen warten. Dies verleiht dem Film zuweilen zwar einen anstrengenden Touch, gibt der Geschichte rund um die Inszenierung eines anspruchsvollen Theaterstückes jedoch die richtige Atmosphäre. Mal direkte, mal indirekte Anspielungen auf echte Kollegen und den seit Jahren anhaltenden Superheldenhype in Hollywood runden dieses Kinoereignis ab.

 

Es ist Michael Keatons persönliches “The Wrestler” und Hollywoods offiziell bester Film der letzten Spielzeit. Ian Freer von der Empire brachte es in seiner Review auf den Punkt: „Birdman is everything you want movies to be: vital, challenging, intellectually alive, visually stunning, emotionally affecting.” Keaton als Batman, Norton als Hulk und Stone mit Spider-Man – diese Schauspieler wissen ganz genau, wo sie da mitgespielt haben. Seit dem 29.1. ist “Birdman” in deutschen Lichtspielhäusern zu sehen und – das muss jetzt so platt geschrieben werden – somit ein absoluter Pflichttermin für alle Freunde des guten Films.

 

2 Comments

  1. Mir hat der Film auch sehr gut gefallen. Den Keaton Aspekt hatte ich noch nicht berücksichtigt. Ist aber auch ein interessanter Aspekt. Was ich besonders cool fand ist, dass es halt wirklich mal ein anderer Film ist. Der aber scheinbar trotzdem erfolgreich ist. Auf jeden Fall cool.

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