Nur 7.800 Platten pro Leben: Wann ist ein Album fertig gehört?

Wie lang liefen diese Platten, bevor sie hier landeten?

Wie viel Zeit muss einem Musikalbum eingeräumt werden, bevor es im Plattenregal verschwinden kann?

 

Vor einigen Jahren habe ich bereits über meinen Pile of Shame geschrieben und damit über ein Luxusproblem geklagt, das von vielen – vermutlich zu Recht – belächelt wird. Die Unterhaltungsmedien stapeln sich auf dem Wohnzimmertisch und die Zeit, die zum Spielen, Hören, Schauen und Lesen bleibt, reicht nicht aus. Nun verschwinden Bücher, Filme und Spiele vom Stapel der Schande, sobald sie erfolgreich fertig konsumiert wurden. Ein Buch oder einen Film gleich zweimal hintereinander zu genießen, machen nur die Wenigsten.

 

Bei Musik sieht es komplett anders aus. Ein Hördurchgang genügt nicht, um ein Album abzuhaken und fortan im Regal verstauben zu lassen. Die Soundwelten einer komplexen Post-Rock-Platte müssen wieder und wieder erforscht werden, bis sich ihre Wirkung vollständig entfaltet. Inhaltsschwere Texte einer englischsprachigen Songwriter-Scheibe zünden erst, wenn sich intensiv mit ihnen beschäftigt wurde. Und zukünftige Lieblingsalben benötigen mehr als einen Hördurchgang, damit sie auch Teil des Lebens werden können.

 

Jeden Freitag wird es schlimmer

 

In Deutschland erscheinen jeden Freitag neue Alben. Und jeden Freitag ist mindestens eine Neuveröffentlichung dabei, die so interessant ist, dass sie eingetütet werden muss. Dann kommen noch die Klassiker hinzu, die schon seit Ewigkeiten auf der To-do-Liste stehen. Schnell kann Musikhören zu einem harten Stück Arbeit werden. Ich schaue auf den Kalender, der mir verrät, dass ich nur noch drei Tage bis zum Release der nächsten heißersehnten Platte habe. Zwei noch verschweißte Alben lachen mir aber vom Schreibtisch aus zu. Das Hirn explodiert!

 

Viele werden dieses Problem nicht verstehen und sich fragen, warum „Problem“ in diesem Satz nicht von riesigen Anführungszeichen umzingelt ist. Doch jedes Mal wenn ich darüber nachdenke, wie viel Musik ich in meinem Leben bisher „geschafft“ und wie wenig Lebenszeit ich noch für sie übrighabe, wird mir klar, dass ich mich ranhalten muss: Drei Alben in der Woche, 156 Alben im Jahr und bei einem Leben mit 50 aktiven Musikhörjahren nur 7800 Platten insgesamt. Wow, damit sind immerhin die 7.241 LPs zu schaffen, die hhv.de derzeit anbietet.

 

Bis sich die Texte ins Hirn eingebrannt haben

 

Doch wann kann ein Album denn nun im Plattenschrank verschwinden? Muss es so häufig gehört werden, bis sich die Texte im Hirn eingebrannt haben? Reicht es, nur die Reihenfolge der Songs auswendig zu kennen? Was ist mit Alben, die nicht dem eigenen Geschmack entsprechen, für die aber Geld bezahlt wurde? Durchquälen oder in den Schrank verbannen? Sollte einem anspruchsvollen Artrock-Album von vorneherein mehr Zeit eingeräumt werden als einer Deutschrap-Platte?

 

Mein Vorgehen sieht wie folgt aus: Wenn ich feststelle, dass ich den Aufbau eines Albums kenne und die Lieder beispielsweise nach den ersten zwei Takten sofort benennen kann, beginnt der Abschied. Ich nehme mir noch für einen letzten intensiven Hördurchgang Zeit und übergebe das Album anschließend feierlich meiner Sammlung. Und sollte mir nicht jedes Detail aufgefallen sein, ärgere ich mich nicht. Denn Oscar Wilde sagte schon: „Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis.“

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