Kurz & knapp #46: Andrew W.K., Curse, B-Tight, Judas Priest, Dirty Money…

So viele Neuerscheinungen und so wenig Zeit, all diese Platten, Filme, Spiele und Comics ausführlich zu behandeln. Im Format “Kurz & knapp” bringen wir es daher auf den Punkt. Dieses Mal dabei: Anna von Hausswolff, Andrew W.K., Born Ruffians, Curse, B-Tight, Judas Priest, XXXTentacion, I Tonya, Dirty Money und Eine dumme und nutzlose Geste.

 

Andrew W.K. „You’re Not Alone“

„Dead Magic“ ist Anna von Hausswolffs Orgelalbum. Das passt wie das Kreuz aufs Grab, denn auf ihrer vierten Langspielplatte beschäftigt sich die Schwedin mit dem Tod – ein Aspekt des Lebens, zu dem das Kircheninstrument den perfekten Soundtrack liefern kann. Gerade einmal fünf Stücke streckt sie auf 47 Minuten und macht „Dead Magic“ damit zu einem Album, das nichts für nebenher ist. Sorgfältig muss der Musik, die zwischen schönen, aber auch gewollt anstrengenden Momenten pendelt, gelauscht werden. Von Hausswolffs Stimme krächzt auf „The Truth, The Glow, The Fall“ verletzlich, steigert sich auf „The Mysterious Vanishing of Electra“ dagegen ins bedrohlich aggressive. „The Marble Eye“ verzichtet komplett auf Gesang und stellt die Orgel endgültig in den Mittelpunkt, bevor dem Hörer mit dem sphärischen „Källans återuppståndelse“ die letzte Ehre erwiesen wird. +++ Neun Jahre sind seit dem letzten regulären Studioalben vergangen. Andrew W.K. hat sich auf seiner fünften Platte „You’re Not Alone“ trotzdem nicht verändert. Er schmettert nach wie vor energische Hard-Rock-Hymnen raus, deren Refrains gemacht wurden, um Fäuste zu recken. Dabei möchte er den Hörer nicht nur akustisch, sondern auch thematisch antreiben. Das ist Musik für Menschen, die sich auf dem Weg zur U-Bahn wie Helden fühlen möchten. Und wer es durch die Songtexte noch nicht verstanden hat, bekommt es in drei gesprochenen Interludes noch einmal klar und deutlich erklärt: „In your darkest moments, never forget that you can and will make it through!“ +++ Die kanadische Indie-Rock-Band Born Ruffians hat dieser Tage ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht. Wobei sich „Uncle, Duke & The Chief“ weniger wie eine Langspielplatte, sondern mit neun Songs verteilt auf 30 Minuten eher wie eine EP anfühlt. Doch Begrifflichkeiten sind egal. Erst recht, wenn die Musik so gut ins Ohr geht wie diese. „Uncle, Duke & The Chief“ klingt durch und durch handgemacht. Als würde das Trio mit Tamburin und Akustikgitarre im Wohnzimmer des Hörers stehen. Die halbe Stunde klingt wie aus einem Guss, weshalb zwar keines der Stücke heraussticht, aber auch keine Ausfälle zu vermelden sind.

 

Curse „Die Farbe von Wasser“

Wer sich nach „Uns“ von 2014 wieder ein „richtiges“ Curse-Album gewünscht hat, könnte mit „Die Farbe von Wasser“ glücklich werden. Songs wie „Was Du bist“, „Bei mir“ oder „Waffen“ hätten so auch auf Klassikerveröffentlichungen wie „Von Innen nach Außen“ oder „Feuerwasser“ gepasst. Die Beats unterstreichen diesen „Alte Schule“-Ansatz mit ihrer Konzentration auf melodische Samples. Das Herzstück des Albums ist das Gipfeltreffen „Manuskript“, für das Curse, Samy Deluxe und Kool Savas zusammenkamen. Vor 15 Jahren wäre „Die Farben von Wasser“ eine Sensation gewesen. Heute ist es ein unaufgeregtes, aber gelungenes Curse-Album. +++ B-Tight-Fans der ersten Stunde könnten mit ihrem Rapper nicht glücklicher sein. Verlässlich haut er im Jahrestakt neue Alben raus. Mit seinem aktuellen Werk „A.i.d.S. Royal“ setzt der Berliner noch einen drauf und liefert einen Sound, der auch um die Jahrtausendwende im Märkischen Viertel funktioniert hätte. Damals eben, als das Frühstück noch mit der Bong serviert wurde und die Beats aus der PlayStation kamen. Auf „A.i.d.S. Royal“ fickt, kifft und killt B-Tight, was nicht niet- und nagelfest ist. Dass das alles klingt, als würde er auf die soundtechnischen Entwicklungen der letzten 15 Jahre einen F*** geben, ist das eigentlich Fantastische an diesem Album. +++ Auch die Fans von Judas Priest dürfen sich über die Besinnung auf alte Stärken freuen. Denn das 18. Studioalbum der britischen Metal-Institution traut sich keine Experimente. Stattdessen setzt die Platte auf brettharten Heavy Metal wie er im Mainstream heute nur noch selten vorkommt. Da ist es nicht verwunderlich, dass mit Tom Allom wieder ein Judas-Priest-Produzent mitgewirkt hat, der die Band bereits durch die kompletten Achtziger Jahre begleitet hat.

 

Nervus „Everything Dies“

Nervus machen melodischen Indie-Rock, der das Spektakuläre im Unspektakulären sucht. Auf ihrem zweiten Album „Everything Dies“ spielen sich die vier Briten durch zehn gutgemachte, aber harmlose Stücke. Die obligatorischen Gitarren werden dabei von einem Klavier ergänzt, das der Musik in den richtigen Momenten mehr Farbe verleiht. „Everything Dies“ ist dennoch gefällig bis egal. +++ Ziemlich handfeste Rockmusik machen Funeral Shakes aus dem englischen Watford. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum strotzt nur so vor energischen Songs, die für die Matschpfütze vor der Festivalbühne gemacht wurden. Doch der fröhliche Klang täuscht über die nicht ganz so positiven Inhalte hinweg. „Funeral Shakes“ ist Musik für Menschen, die nach einer Niederlage nach Hause humpeln – das aber mit Stolz. Und in diesem Falle mit ein paar guten Liedern auf den Ohren. +++ Im Intro erklärt XXXTentacion, dass er mit dem Album „?“ seine musikalische Vielseitigkeit und Offenheit ausleben wollte. Das verlange er nun auch von seinen Hörern. Menschen, die sich schon länger mit unterschiedlichen Genres beschäftigen, werden aufgrund vermeintlich verrückter Soundexperimente trotzdem nicht vom Hocker gerissen. Der 20-Jährige schreit sich auf „Floor 555“ die Seele aus dem Leib, singt sich auf „NUMB“ mit verletzlicher Stimme durch den Hit der Platte und zeigt auf „infinity (888)“ an der Seite von Joey Badass, dass er sich auch für Boombap-Sounds interessiert. Der Aufbau der Veröffentlichung schlägt in die gleiche Kerbe wie der Vorgänger „17“: Stücke, die selten die drei-Minuten-Marke überschreiten, reihen sich wundertütenartig aneinander. Und nach 37 Minuten endet die Veröffentlichung schlagartig mit dem Song „before I close my eyes“. Ob man die Person XXXTentacion nun mag oder nicht, seine Musik ist spannend.

 

I, Tonya

I, Tonya basiert auf wahren Begebenheiten. Vor den Olympischen Winterspielen 1994 soll Eiskunstläuferin Tonya Harding ihren Ehemann beauftragt haben, ihrer Erzrivalin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange die Beine zu brechen. Bis zuletzt beteuerte sie, nichts von dem Anschlag gewusst zu haben. Craig Gillespie, der das Historien-Drama „The Finest Hour“ drehte, ging den ungewöhnlichen Schritt, die Schurkin der Geschichte und nicht das Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. Margot Robbie, die die Harding mimt, ist das Teenager-Alter nur schwer abzukaufen. Das Prollige und Verrohte der Figur stellt sie dagegen überzeugend dar. Allison Janney, die für ihre Rolle als tyrannische und alkoholkranke Mutter einen Oscar erhielt, unterstreicht, dass „I, Tonya“ dank der Leistungen der Schauspieler ein so guter Film ist. +++ Wer mal wieder richtig schlechte Laune haben möchte, sollte sich die Dokumentationsserie Dirty Money – Geld regiert die Welt anschauen. Alex Gibney, der 2007 für die Doku „Taxi zur Hölle“ eine Oscarauszeichnung erhielt, zeigt in sechs Episoden, wie sich gierige und korrupte Unternehmen über das Gesetz stellen. So geht es um den VW-Abgasskandal, Donald Trumps Karriere und die Geldwäsche der Bank HSBC für das Sinaloa-Kartell. Gibney stellt ausführlich, aber nie trocken dar, was genau vorfiel und lässt sowohl Opfer als auch Täter zu Wort kommen. +++ Der Netflix-Film Eine dumme und nutzlose Geste behandelt das Leben von Doug Kenney, der in den siebziger Jahren das Satiremagazin National Lampoon publizierte. Und obwohl Will Forte, der den Kenney spielt, im Mittelpunkt steht, lebt der Film von einem namhaften und vor allem umfangreichen Cast. Wie im Heft ist auch hier der Humor derbe. Wirklich interessant wird es aber erst, wenn „Eine dumme und nutzlose Geste“ versucht, Kenneys Familien-, Drogen- und mentale Probleme zu thematisieren. Hätte es Regisseur David Wain geschafft, diese Momente in einem ernsteren Ton zu inszenieren, wäre der Film ein echter Geheimtipp. So ist er lediglich eine kurzweilige Kenney-Biografie, die am Tag des Sehens schon wieder in Vergessenheit gerät.

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