Geschichten aus dem Schulsport – Teil 5: Mannschaftssport

Horror im Sportunterricht: Vor dem Spiel kommt das Wählen der Mannschaften

Dicke Kinder beim Sprinten, Nichtschwimmer im Schwimmerbecken und das Mannschaftswählen aka der Popularitätswettbewerb – Schulsport ist Horror. In der Reihe „Geschichten aus dem Schulsport“ berichten wir über den Wahnsinn aus deutschen Turnhallen.

 

„Der Teamgeist ist heut‘ hoch gefragt, weil man im Team sich leichter plagt; doch die Gemeinschaft hält nicht lang‘, wenn man nicht zieht am selben Strang“, schrieb der deutsche Schriftsteller Oskar Stock einst. Im Schulsport, der junge Menschen in der Hochphase ihrer Pubertät abholt, findet dieser Spruch ein Extrembeispiel. Denn wenn die Teams vermeintlich unfair zusammengestellt wurden, der Lehrer angeblich falsche Schiedsrichterentscheidungen trifft oder der selbsternannte Star der Klasse den Ball nicht passen möchte, ist die Zankerei vorprogrammiert. Während sich die Sportmuffel beim Turnen hinter den Geräten verstecken können, ist beim Mannschaftssport ein Mitmachen unumgänglich. Dass die Talentunterschiede im direkten Zusammenspiel sofort offengelegt werden, hemmt zusätzlich.

 

Wie dreibeinige Kühe auf dem Viehmarkt

 

Die Liste mit Mannschaftssportarten, die in der Schule ausgeübt werden, ist lang: Völkerball, Brennball, Fußball, Volleyball, Basketball, Handball – alles mit Ball am Ende eben. Wie bei den meisten Sportarten sind die Schüler im Vorteil, die eine der Disziplinen außerhalb der Schule betreiben. Doch der Druck ist dadurch auch höher. Wenn Timo jedes Wochenende auf dem Fußballplatz steht, am Montag im Schulsport aber eine schlechtere Note erhält als Peter, der nichts mit dem Kicken am Hut hat, sind Scham und Häme groß. Ist von Timo hingegen bekannt, dass er das Aushängeschild des Dorfvereins ist, muss ein Lehrer ordentliches Selbstbewusstsein an den Tag legen, falls seine Leistungen nicht einer Bestbenotung entsprechen.

 

Je leichter es sich der Sportlehrer macht, desto schwerer wird es für den Schüler. Bestes Beispiel hierfür ist das Zusammenstellen der Mannschaften. Das Wählen ist der wohl erniedrigenste Teil des Sportunterrichts. Lässt der Lehrer zwei seiner Schützlinge wählen, hat er wenig Arbeit und hinterher beschwert sich niemand – zumindest bei ihm – über die unfaire Einteilung. Doch die Schüler, die den Stempel der Unsportlichkeit mit dicken fetten Buchstaben auf der Stirn herumtragen, stehen wie dreibeinige Kühe auf dem Viehmarkt herum. Niemand will sie haben. Meint es ein Lehrer besonders gut und lässt die schwächeren Schüler wählen, ist der Idiotenstempel doppelt so dick. Nun hat er auch dem Rest der Klasse signalisiert, wen er für Blindgänger hält.

 

Vom Schulsport ins Vereinsleben

 

Während meiner Schulzeit habe ich im Verein Handball gespielt. Mein Sportlehrer war davon dermaßen angetan, dass er mich in der achten Klasse auf eine Schülermentorenausbildung schickte. Dort sollten mir die Grundlagen der Trainerkunst nähergebracht werden. Davon angespornt, meldete ich mich in meinem Handballverein und unterstützte fortan eine Kindermannschaft beim Training. Dank des Schulsports geriet ich knietief rein in das Vereinsleben. Als mich der Vereinsvorstand daraufhin bei einem richtigen Trainerlehrgang anmeldete, gab es für mich kein Zurück mehr. Zu 100 Prozent habe ich mich dabei nie wohlgefühlt. Mit dem Eintritt in die Volljährigkeit trennte ich alle Verbindungen und betrieb fortan nie wieder Sport in einem Verein.

 

Wer seine Leistung in einem Verein abfragen möchte, muss an einem Spiel gegen eine andere Mannschaft teilnehmen. Das Endergebnis gibt in den meisten Fällen eine aussagekräftige Auskunft über die Fähigkeiten eines Teams. Tore, gewonnene Zweikämpfe und zum Punkt geführte Vorlagen zeigen, wie sich der einzelne Spieler geschlagen hat. Die Benotung von Mannschaftssport im Schulunterricht ist dagegen heikel. Hier werden in der Regel einzelne Bewegungsabläufe wie ein korrekter Korbleger im Basketball oder ein sauberer Aufschlag im Volleyball bewertet. Und das passt zum generellen Anspruch, den so manche Lehrer an Mannschaftssportarten im Schulunterricht haben: Alles ist wichtig, aber nicht das Teamwork und der eigentliche Spaß am Spiel.

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